Ich bin Suchttherapeut. Nicht als Lehrer, sondern als Teil der Gruppe.

Andreas Schimkat

Suchttherapeut in der
Sozialtherapeutischen Wohnstätte Sebnitz

im Gespräch mit Bernhard Kelz

Es gibt Tage, die bleiben für immer in deinem Kopf, verändern dein Leben. Der erste Tag in der Schule zum Beispiel. Oder der erste Kuss, das erste Mal. Der erste Tadel, der erste Liebeskummer, das erste graue Haar. An einem solchen unvergesslichen Tag habe ich zuerst mich, dann meine Schwester aus dem Wrack unseres Familienkombis befreit. Danach mit ihr und meinem Vater um meinen jüngeren Bruder und meine Mutter geweint. Die Bilder blieben im Kopf; ich habe gelernt, damit zu leben. Später habe ich mich über mein Staatsexamen gefreut, über meinen ersten gewonnen Prozess, über den Zieleinlauf meines ersten Trailruns. Die Bilder blieben im Kopf. In knapp vier Jahrzehnten habe ich gelernt, die Unberechenbarkeit des Schicksals zu akzeptieren. Ich habe gelernt, mich an Erfolgen zu erfreuen und daraus Kraft zu schöpfen. Kraft, um den nächsten Tiefschlag zu überstehen. Ich weiß, dass er kommen wird. Aber ich will vorbereitet sein. Vermeiden, dass er mir den Boden unter den Füßen wegreißt. Ich bin Jurist, Stratege, Mensch. Ich treffe Tag für Tag Entscheidungen. Mal harmlose, mal weniger harmlose. Mal für mich, mal für andere. Sie alle haben Konsequenzen. Mal harmlose, mal weniger harmlose, mal für mich, mal für andere. Wir alle müssen Tag für Tag Entscheidungen treffen, in deren Konsequenz sich etwas ändert. Dass wir damit nicht immer richtig liegen, liegt in der Natur der Sache. Wir sind Menschen. Menschen machen Fehler. Ich mache Fehler, du machst Fehler, wir machen Fehler. Der größte Fehler jedoch, den wir als Gesellschaft machen, ist anderen ihre Fehler nicht zu verzeihen. Sondern ihnen daraus einen persönlichen Vorwurf zu machen. Einen Fehler als Zeichen der Schwäche zu sehen. Doch weder du noch ich sind davor gefeit, mit unserer nächsten Entscheidung keine Ereigniskette in Gang zu setzen, an deren Ende es nicht einmal mehr ein böses Erwachen gibt. Sondern nur noch die Erinnerung an einen Tag, der dein Leben verändert hat. Bei mir war das damals so …

Wann ein solcher Tag ist, lässt sich selten voraus sagen. Das ist das, was wir als Schicksal bezeichnen. Vielleicht ist unser Weg vorbestimmt, vielleicht aber auch nur eine Laune der Natur. Im besten Fall ist unser Weg die Folge von Entscheidungen, die wir wohlüberlegt aus freien Stücken treffen. Niemand kann mehr behaupten, es nicht gewusst zu haben: Glücksspiel – kann süchtig machen. Rauchen – macht sehr schnell abhängig. Alkohol – bitte maßvoll genießen. Smartphones – machen uns zu Smombies. Crystal, Crack und Koks – schicken dich auf einen Ego-Tripp. Arbeiten, Essen, Einkaufen; Soziale Netzwerke, Games, Pornos; MDMA, Steroide, Medikamente – zur Sucht kann fast alles werden. Warnhinweise und Schockbilder, Beratungshotlines und Arzt oder Apotheker, Werbeverbote und Aufklärungskampagnen – all das gibt es. Und wie zum Trotz immer wieder Menschen, die in eine Abhängigkeit geraten. Andreas Schimkat ist da keine Ausnahme. Mit einer Ausnahme: Er hat sie unter Kontrolle. „Bei mir war das damals so…“, beginnt er seine Sätze, wenn er vom Suchtdruck spricht. Dabei liegt sein ‚Damals‘ mittlerweile fast zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit. So weit zurück, dass einige Menschen seiner Gruppe noch nicht einmal geboren waren. So weit zurück, dass man von einigen Dingen noch gar nicht abhängig werden konnte, weil es sie noch gar nicht gab. So weit zurück, dass Erzählungen darüber wie Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit wirken. Doch er wird immer wieder mit seinem ‚Damals‘ konfrontiert, es wird immer zum Thema. Denn sein ‚Damals‘ ist eine Sucht. Keine Krankheit, keine Grippe, die man ausheilt. Sein ‚Damals‘ ist Teil seiner Vergangenheit, Teil seiner Gegenwart, Teil seiner Zukunft. Durch seine Sucht hat er Erfahrungen gesammelt, auf die er immer wieder zurück greift. Erfahrungen, die er mit der Gruppe teilt. Einer Gruppe, deren Teil er ist. Einer Gruppe von Menschen, denen er hilft, einen Weg aus der Abhängigkeit zu finden. Als Suchttherapeut.

Jeden Tag trifft er sein Spiegelbild, erkennt sich in einem der 44 Klienten wieder. Er sieht, wer er war, aber auch, wer er ist. Er ist dem Sumpf der Abhängigkeit entkommen, aber wird sein Leben lang an dessen Rand verbringen. Die Möglichkeit, dass ihn irgendetwas wieder hinein zieht, besteht immer. Es fällt mir schwer, das zu glauben, wenn ich ihn so vor mir sehe. Mit seinem kahl geschorenen Kopf, seinem langen Bart, seiner schwarzgerahmten Brille. Vor allem aber mit seinen unzähligen Tattoos. Hände, Arme, Beine, Hals und Nacken – soweit ich sehen kann, wurde unter kaum einem Quadratzentimeter seiner Haut keine Farbe gestochen. Ob der von Tätowierten als angenehm beschriebene Schmerz beim Durchstechen der obersten Hautschichten seine Ersatzsucht ist? Es wäre eine, deren schlimmste Folge ein zugehackter Körper ist. Was in einer Zeit, in der sich Hinz und Kunz ihre Körper bemalen lassen, längst keinen Makel mehr darstellt. Denn sofern sie nicht aus einem Hefter voller schlecht kopierter Vorlagenblätter stammen, erzählen Tattoos Geschichten, sind persönliche Erinnerungen, Botschaften. Wenn ich davon ausgehe, dass sie das Innere eines Menschen bis an dessen Oberfläche tragen, erkenne ich bei Andreas Schimkat Zerrissenheit. Sie zeigt sich auf den Knöcheln seiner Hände in den Worten Love und Hate. Einer Hassliebe, die sich in so ziemlich allem begründen kann, was das Leben mit sich bringt.

Mir vorzustellen, dass diesen Typen überhaupt etwas aus der Bahn werfen kann, fällt mir schwer. Wo auch immer ich ihn bisher getroffen habe, hat er den Raum gefüllt, war präsent.

Das ist er auch hier, in der Siebdruckwerkstatt. Wobei das Wort Werkstatt für diesen Raum strenggenommen eine Nummer zu groß ist. Mich erinnert es an eine Mischung aus Künstleratelier, Hobbykeller und Start-up-Garage. Mit allem, was dazu gehört. Mit begrenztem Platz, der so gut es geht ausgenutzt wird. In einer Ecke steht eine Kiste mit T-Shirts. Soweit ich es erkennen kann nicht bedruckt, schlichtes Schwarz. Für den nächsten Auftrag, vermute ich. Werkzeug, Rahmen und Siebe nehmen ebenso Platz ein, wie die Druckfarben. Die meisten stehen auf Brettern, die an der Wand befestigt sind, einige auf dem Tisch. In einem Gestell aus Metall liegen bedruckte Bögen Papier, scheinen noch zu trocknen. Besonders viel Bewegungsfreiheit herrscht hier nicht, aber wir haben uns gekonnt zwischen allen Hindernissen hindurch geschlängelt und sitzen. Zeit, zu reden. Diesmal in seinem Reich: der Sozialtherapeutischen Wohnstätte in Sebnitz. Diejenigen, die sonst hier in der Werkstatt Stoff bedrucken, hat er für eine Weile in die Pause geschickt. Mit dem Hinweis, dass wir nicht gestört werden wollen. Freundlich, aber bestimmt. Die Art und Weise, wie Andreas Schimkat Sprache benutzt, fasziniert mich. Sie nimmt schwer verdaulichen Themen die Schwere, aber nicht die Ernsthaftigkeit.

Doch ich weiß so gut wie er, dass es Momente gibt, in denen selbst den coolsten Menschen das Lachen vergeht. Weil sie an Grenzen stoßen, an denen die Sprache verloren geht. Darüber zu sprechen, sei das Geheimnis, erzählt er. Wie das geht, hat er in Praktika und Ausbildung gelernt. Und in seiner Zeit beim Rettungsdienst. Einen Sommer lang hat er Motorradfahrer zusammengekehrt, wie er mit seinen Worten beschreibt. Musste Frau und Kindern erklären, dass der Familienvater von 2,5 Tonnen Baustahl erschlagen wurde. Das sind Bilder in seinem Kopf, mit denen er umgehen können muss. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Seelenmülleimer

„Wenn mir Leute ihre Lebensgeschichte erzählen und nach fünf Jahren Episoden auspacken, die ich noch nicht kannte, werde ich zum Seelenmülleimer“, zieht er einen Vergleich. „Ich habe nach einem 8-Stunden-Tag so viel Elend in meinem Kopf, dass ich nur zwei Möglichkeiten habe: Entweder daran kaputt gehen oder bewusst verarbeiten. Ich komme immer wieder an den Punkt, an dem das Fass voll ist und ich mich auch mal auskotzen muss. Das kann ich bei meiner Frau, aber auch bei zwei, drei anderen Leuten. Wenn ich Frust schiebe, merken das auch Patienten, die mich schon lange kennen. Dann kommen sie zu mir und sagen ‚Komm Chef, wir gehen mal eine rauchen und reden.‘

So richtig entladen kann ich mich aber bei meiner Band. Unser Songschreiber verarbeitet in den Texten seinen Alltag, steckt unheimlich Emotionen rein. Das kann ich 1:1 auf mich projizieren und das Feuer richtig rauslassen, wenn ich das Mikro in der Hand habe.“ Seine Kapelle, wie er seine Band liebevoll nennt, trägt den Namen Love&Hate. Ihre Musik, die irgendwo zwischen Punk, Hardcore und Oi! liegt, ist nichts für zarte Seelen. Zu verrückt, zu laut, zu derbe Texte – wenn man sie denn versteht. Dass sie dabei hilft, Frust los zu werden, kann ich nachvollziehen. Zum Schreien ist mir auch oft genug zumute. Übelartig – ein Schimkat’sches Wort – wichtig seien in dem Beruf Hobbys und Ausgleich. „Wenn du im sozialen Bereich arbeitest, musst du das kompensieren.“

Macht Entspannungsübungen! – ein gut gemeinter Rat von Coaches, den man mitunter auch in Suchtkliniken hört. Damit allein ist es aber nicht getan, ist sich Andreas sicher. Er hat Patienten, die einst einen gut bezahlten, interessanten, aber auch stressigen Job hatten.

So jemand könnte auch ich sein, keine Frage. Nach Feierabend zum Yoga oder doch lieber mit den Kollegen noch einen Gin Tonic trinken? Ich nehme das Wacholdergetränk. Abends auf dem Sofa noch einen guten Whisky? Sehr gern, ich mag die Schottischen Highlands. Ernsthafte Gedanken habe ich mir darüber bisher nicht gemacht. Warum auch? Ich mache Sport, rauche nicht, versuche sogar, auf meine Ernährung zu achten. Das Gefühl, mich betäuben zu müssen, habe auch ich nicht.

Aber Sucht entsteht nicht einfach so, klärt mich Andreas auf. Es sind die Dinge drum herum, die damit verbundenen Emotionen. Das Feierabendbier, der Abschuss beim Festival, das gute Glas Wein – alles schöne Sachen. „Das willst du nicht, das kannst du nicht einfach loslassen. Das funktioniert nicht. Selbst wenn du an dem Punkt bist, an dem du dir sagst, dass das, was du machst, nicht normal ist. Vergleich Trinken als dein Hobby und du verstehst, wie Sucht funktioniert!“ Natürlich weiß er, wovon er spricht. „Wenn ich zwölf Tage Dienst hatte, habe ich gemerkt, wie aus zwei Feierabendbier plötzlich drei wurden, dann fünf, dann sechs. Einfach nur, um schlafen zu können. Heute frage ich mich nach dem dritten, was ich überhaupt mache. Ich hinterfrage mich. Erlösungstrinken ist ein Spiel mit dem Feuer.“ Vergleich Trinken als dein Hobby und du verstehst, wie Sucht funktioniert!

Dieses Spiel zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. In der öffentlichen Wahrnehmung wird es jedoch auf die unteren beschränkt. Wer am Existenzminimum lebt, säuft sich seine Sorgen weg. Wer einen Porsche vor der Tür stehen hat, trinkt, weil er es sich leisten kann. Niemand redet vom alkoholabhängigen Arzt. Niemand redet vom alkoholabhängigen Anwalt. Keiner. Aber es gibt sie. So, wie es die bayrischen Bauarbeiter gibt, die zum Mittag einen halben Liter Weizenbier trinken. Sie sind Teil der blauweißen Lebenskultur. Aber ein Bankangestellter, der dasselbe macht? Passt nicht ins Bild. Erst der Sumpf der Abhängigkeit radiert gesellschaftliche Unterschiede aus. Hier sind sie alle gleich. Weil sie Hilfe brauchen. Von Menschen wie Andreas Schimkat. Seit 2004 finden sie sie hier in Sebnitz. Einige der früheren Bewohner waren so fertig, dass sie hier beherbergt wurden. Das heißt nichts anderes, als hier einzuziehen, um hier zu sterben. Das Ziel ist es natürlich, sie wieder so fit zu machen, dass sie in einer eigenen Wohnung wohnen können. Warum einige von ihnen trotzdem schon seit Jahren hier wohnen? Weil sie Ängste haben, zum Beispiel in Panik geraten, wenn es darum geht, einen Antrag auszufüllen. Selbst für mich als Juristen ist das mitunter eine Herkulesaufgabe. Dahinter steht die Angst, zu versagen, erklärt mir Andreas. „Ich habe vor fünf Jahren für einen Klienten einen Rentenantrag ausgefüllt. Der hatte 15 Seiten. Und ich habe dieses Jahr einen ausgefüllt: 58 Seiten. Man solle alle sozialversicherungspflichtigen Anstellungen, die derjenige je hatte, auflisten.

Ich habe aber auch Korsakoff-Patienten: Alkohol-Demenz. Da kann man froh sein, dass sie noch selbständig atmen.“, beschreibt er das Problem. „Das Langzeitgedächtnis funktioniert zwar, aber das Kurzzeitgedächtnis nicht. Die kommen aus dem absoluten Sumpf. Werden aus ihren Wohnungen gezogen, weil sie komplett verwahrlost sind. Woher soll aber ein Mensch, der nur noch die Klamotten an seinem Leib hat, so etwas haben? Wird man vom Staat getrieben, kann man wieder in sein altes Muster zurückfallen. Und dann ist es schnell wie früher: Rechnungen, Mahnungen und Briefe werden irgendwohin gestopft, ad acta gelegt. Weil man sich nicht traut, Schwäche zuzugeben. Dann sprechen wir vier Tage lang darüber, wie man Anträge ausfüllt, statt uns mit der Sucht zu beschäftigen.Irgendwo in seinem Hirn fährt der Affe jetzt Dreirad

Von einer kurzen Störung durch einen Klienten lässt sich Andreas nicht aus der Ruhe bringen. Stattdessen erklärt er, warum genau so etwas immer wieder passiert. Es läge an einer kurzen Gedächtnisspanne, dem Gefangensein in einem eigenen Film. Das sei Crystal. „Irgendwo in seinem Hirn fährt der Affe jetzt Dreirad“, sagt er. „In seinem Kopf war nur noch der Gedanke, dass er einen Auftrag hat und diesen fertig machen muss.“ Ein Drogenabhängiger will in einer Siebdruckwerkstatt noch seinen Auftrag abarbeiten – wenn ich es nicht live mitbekommen hätte, würde ich diesen Satz fast nicht glauben. Dass das überhaupt geht, ist zu großen Teilen Andreas’ Durchhaltevermögen zu verdanken. Als er 2010 mit seiner Frau nach Bayern zog, wollte niemand etwas von einer Crystal-Problematik wissen. Das war im Bayrischen Wald Thema, aber nicht in Erlangen. Methadon-Substitution, also die Arbeit mit Heroin-Abhängigen, wiederum war ihm eine Nummer zu krass. Die Folge: Andreas war Suchttherapeut mit sehr gutem Abschluss, aber arbeitslos. Also kehrten sie nach Sachsen zurück, er kam zur Lebenshilfe. Hier konnte er vom ersten Tag an etwas aufbauen, wie er sich erinnert. Angefangen hat er ganz klassisch und von 2011 bis 2013 mit Alkoholkranken gearbeitet. Einen Drogenabhängigen gab es zwar, aber offiziell war auch bei ihm der Alkohol das größere Problem. Anfangs wurde Andreas von Suchtmedizinern noch belächelt, wenn er über Crystal sprach. Er kommt aus dem Erzgebirge, kennt die Szene, konnte sich ausmalen, was passieren würde. Auf ihn gehört hat zu der Zeit keiner. Aber als die Droge den Weg nach Sachsen fand, wurde das Leistungsangebot so umgeschrieben, dass auch Drogenabhängige aufgenommen werden konnten. „Seit 2015 dürfen wir das offiziell machen und die Leute rennen uns die Bude ein“, blickt er zurück. „Aber es ist auch angedacht, das Leistung da sein muss. Deswegen gibt es unter anderem diese Siebdruckwerkstatt. Für diejenigen, die in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung unterfordert wären. Hier herrscht Stress, wenn Aufträge reinkommen. Zur Kreativmesse mussten wir rund 50 Bahnen à 6 bis 7 Meter Stoff in ordentlicher Qualität bedrucken, dann ist hier ordentlich was angesagt. Aber es gibt auch Flauten, wo plötzlich nichts mehr zu tun ist. Wer hier arbeitet muss lernen, auch damit klar zu kommen.“ Im Gegensatz zu anderen Trägern, bei denen nach Beratungszeit abgerechnet wird, nehmen sich Andreas und seine Kollegen Zeit für einen sanften Übergang in ein eigenständiges Leben. Die Gruppentherapie läuft nach dem Selbsthilfegruppenprinzip. Er steht da nicht als Lehrer, sondern als Teil der Gruppe. Jeder ist mal mit einem Thema dran. Gibt es ein ganz wichtiges Thema, ist das zuerst dran. Es ist eine sanfte Methode, um die Bewohner bei ihrem Auszug in eine Selbsthilfegruppe zu übergeben. „Denn ohne eine Selbsthilfegruppe ist die Erfolgschance fast Null“, erklärt er mir.

 

Für mich ist er selbst das beste Beispiel dafür, dass es erfolgreiche Wege aus dem Sumpf gibt. Für ihn ist es eine Bewohnerin Anfang 30, die seit vier Monaten bei ihm im geschlossenen Bereich ist. Sie kam voll aus dem Leben, war leitende Ergotherapeutin, hat 1A-Zeugnisse. Um leistungsfähig zu bleiben, hat sie sich mit Crystal aufgeputscht. Bis zu dem Tag, an dem der Absturz kam. Mittlerweile ist sie wieder so fit, dass sie den Weg zurück ins Arbeitsleben gehen will. Und auch kann. Ein Bewerbungsgespräch hatte sie schon – bei der Lebenshilfe. Eine Chance, die nicht jeder bekommt und die sich Andreas bei anderen Trägern auch nicht vorstellen kann. Obwohl er weiß, dass die Lebenshilfe nicht das total karitative Unternehmen ist und es auch hier irgendwie ums Geld geht. Aber das Denken ist an vielen Stellen frischer und gibt Menschen eine Chance, die man ihnen auch geben muss. Vor allem, wenn ihr Pflichtbewusstsein so groß ist, dass ihre größte Sorge die pünktliche Rückkehr in die Einrichtung ist. Fachkräftemangel versus Suchtvergangenheit. Wenn das als Ex-Junkie deine größte Sorge ist, findet Andreas das geil. Denn es zeigt den Erfolg seiner Arbeit. Das flasht ihn, denn erfolgshungrig ist er, gibt er zu. Er hat ein Helfersyndrom, ist gern für andere da, weiß um seine narzisstischen Züge. Aber er kann sie so lenken, dass sie ihm zugutekommen. Was nicht heißt, dass er behaupten würde, dass die besten Suchttherapeuten diejenigen sind, die selber schon im Sumpf gesteckt haben. Aber er ist sich sicher, dass sie anders damit umgehen. Therapien anders, authentischer, gestalten. Fantasievoller als nach Schema F. Weil sie wissen, wie sich der Suchtdruck anfühlt und das Gefühl nicht nur vom Hörensagen kennen.

Weil sie fragen können, was den Abhängigen umtreibt. Innere Unruhe oder wie beim Alkohol Durst oder der Geschmack? Weil sie ein Gespür dafür haben, können sie andere Trigger bedienen, andere Verhaltensweisen mit der Sucht vergleichen. Nicht nur mit dem Genuss von Kaffee, Schokolade und Zigaretten, sondern auch über den Konsum von Salzstangen und Keksen sprechen. Mit der Aussage ‚Bei mir war das so und so‘ bewege man sich auf Augenhöhe, bringt das anders rüber. Vor allem bei Jugendlichen sei es wichtig, das Thema Sucht leicht zu vermitteln, betont er. Es fehle aber grundsätzlich an Aufklärung. Vorher gibt mir mein Dealer nichts, weil ich einen Tripsitter brauche.

Immer wieder hört er von seinen Patienten, dass sie nicht wussten, was passieren kann. Einer von ihnen ist Mario*, der mit Kiffen, Crystal, LSD und Suff einen langen Weg hinter sich und auf diesem ziemlich viel mitgenommen hat. Was gefehlt hat, war Aufklärung. Das Thema Drogen ist und bleibt ein Tabu. Darüber sprechen? Mit wem denn? Sobald man dazu eine Frage stellt, taucht man aus der anonymen Masse der Konsumenten auf. Wird in eine Ecke gestellt, aus der man so leicht nicht mehr heraus kommt. Deswegen geht Andreas in Schulen, bietet kostenlose Präventionsarbeit an. Weil ihm die Kids wichtig sind, zeigt er ihnen, was passiert, wenn man über einen Zeitraum von anderthalb Jahren jeden Tag vier oder fünf Gramm Gras raucht. Vielleicht, unterstreicht er, vielleicht denkt nach einem seiner Besuche der eine oder andere nochmal nach. Selbst wenn er nur einen von 25 erreicht, hat er etwas geschafft. Eine unter diesen 25 ist das kiffende Mädchen, mit dem er gesprochen hat. Er fragt sie, woher sie ihr Dope bekommt. Fragt sie, ob sie schon mal über andere Drogen nachgedacht hat. „Na klar“, antwortet sie, „aber erst, wenn ich 18 bin. Vorher gibt mir mein Dealer nichts, weil ich einen Tripsitter brauche.“ Von welchen Drogen sie denn jetzt gerade reden, fragt Andreas nach. „Na von Teilen“, lautet ihre Antwort. Ob sie wüsste, was der Bestandteil von Ecstasy – den Teilen – sei, erkundigt er sich bei ihr. Sie verneint. „MDMA“, klärt er auf, „das ist ein Amphetamin. Und Crystal? Würdest du auch Crystal nehmen?“ Sie erschrickt. „Nein! Von Crystal wird man doch sofort abhängig!“ erwidert sie. „Aber Mädchen, das ist nichts anderes. Das ist fast das selbe.“ Und obwohl er es nicht gern macht, setzt er hin und wieder auf Angst als Abschreckung. „Wenn du jetzt schon deine Klappe nicht halten kannst und mit deinen Eltern über deinen Drogenkonsum sprichst, was passiert dann, wenn du vorm K sitzt und die dich richtig in die Mangel nehmen? Dann steht vielleicht irgendwann draußen an deinem Haus ‚Anscheißer’. Denn der Dealer, von dem du deinen Stoff hast, ist Kleinstmengenvertreiber. Aber auch der hat jemanden im Hintergrund. Und der wiederum hat auch jemanden im Hintergrund sitzen, der wieder jemanden im Hintergrund sitzen hat. Und irgendwann klopft es dreimal an der Tür und draußen stehen die bösen Männer…“ Das lässt ihre Miene versteinern. Aufklärung kann weh tun. Muss sie manchmal vielleicht auch. Aber Aufklärung muss sein.

„Solange ich hier etwas zu sagen habe, wird Cannabis für Party- und Berauschungszwecke nicht legalisiert“, hat die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler gesagt. Das war 2015, während ihrer Eingangsrede des Heidelberger Kongresses. Andreas war beim Treffen der High Society der Sucht, wie er es nennt, dabei. Er erinnert sich an das Raunen, das durch den Saal ging. Wie er stellten sich viele der Anwesenden die Frage, ob sie wisse, wovon sie spricht. Denn Einstiegsdroge hin oder her – das Thema bleibt Tabu und damit fehlt die Öffentlichkeitsarbeit. Und am Ende eben auch die Aufklärung. Mit den Konsequenzen leben müssen die Therapeuten. Sucht ist ein Hardcore-Thema, das dazu zwingt, in dunkle Abgründe einzutauchen. In jene, die so finster sind, dass es passieren kann, dass selbst Therapeuten irgendwann professionelle Hilfe brauchen. Wo er sie im Zweifelsfall bekommt, weiß Andreas. Bisher habe er aber immer die Schwelle gespürt, über die er nicht hinweggehen kann. Doch bis dahin erwarten ihn regelmäßig Geschichten von Missbräuchen oder Prostitution. Von Freiern, denen die Würde des Menschen nichts wert ist. Von Familienangehörigen, die nicht nur Anstand und Moral über Bord geworfen haben, sondern sich auch ihres Gewissens entledigt zu haben scheinen. Väter oder Onkel sind Teil dieser Geschichten, aber auch Mütter. Es sind Geschichten, die hinter Fassaden versteckt sind. Hinter Mauern, die die Patienten selbst vor der eigenen Vergangenheit schützen sollen. Doch gerade im stationären Bereich brechen diese auf. Wer nach Sebnitz kommt, hat mindestens eine, meistens um die drei Langzeittherapien hinter sich. Dann gibt es Vorberichte, Anamnesen, aus denen sich Andreas und seine Kollegen bereits Teile der Geschichten rauslesen können. Einen Draht zu den Bewohnern müssen sie trotzdem aufbauen. Dabei hilft die Wohnform der sozialtherapeutischen Wohnstätte, denn in einem Haus, in dem 32 Bewohner 24 Stunden am Tag unter einem Dach wohnen, entstehen Spannungen und Konflikte. Dadurch zeigen sich Muster: Wer zieht sich zurück, wer ist introvertiert, wer ist konfliktfähig? Während sie ihm in einer Therapiestunde noch das Blaue vom Himmel erzählen könnten, findet Andreas durch die lange gemeinsame Zeit einen besseren Zugang zu den Menschen. Sitzt mit ihnen nicht nur im Büro, sondern fährt mit ihnen eine Runde Fahrrad, geht spazieren, raucht mit ihnen eine Zigarette.

Er erzählt von sich, gibt Teile seiner Vergangenheit Preis. Das schafft Vertrauen, lässt ihn gleichzeitig in die seelischen Abgründe seiner Patienten schauen. Dann sieht er all das Elend, das ihn zum Seelenmülleimer macht. Sieht Mütter, die den Missbrauch ihres Kindes durch ihren Freund genauso ausgeblendet haben, wie die Kinder selbst – die jetzt seine Patienten sind. Sieht Menschen, die am sozialen Druck der Gesellschaft zerbrochen sind, weil sie über Jahre hinweg eine Fassade aufrecht erhalten wollten. Niemand sollte sehen, dass sie sich bei den Tafeln etwas zu essen holen mussten. Sie kamen an den Punkt, an dem sie von sich selbst behauptet haben, das Letzte zu sein. Das alles bewegt ihn, beschäftigt ihn. Es macht ihm jedoch bei Weitem nicht so sehr zu schaffen, wie Bürokratismus.

Dieses engstirnig-formalistische, pedantische Denken und Handeln raubt ihm nicht nur die Nerven, sondern es hindert ihn auch an seiner Arbeit. Tritt sie gelegentlich sogar mit Füßen, setzt alles auf Anfang. Eine seiner Patientinnen liegt derzeit im Krankenhaus. Die 60-jährige hat zwar ein Alkoholproblem, aber die entsprechende F-Diagnose stellt niemand. In einer nahegelegenen psychiatrischen Einrichtung ist kein Platz für sie, zuhause wird sie aber geschlagen. Im Frauenhaus verweigert man einen Platz und begründet das mit dem Alkoholproblem.

Die Verantwortung möchte niemand übernehmen. Geld bezahlen erst recht nicht. Solange sie im Krankenhaus liegt, bezahlt die Krankenkasse. In fünf Jahren geht sie in Altersrente, dann ist der Landkreis für sie zuständig. In der Zeit dazwischen versucht jeder, diesen Kostenpunkt von seiner Liste zu streichen. Bürokratie entmenschlicht, Bürokratismus hilft dabei. Aber als Jurist weiß ich, dass wir an ganz vielen Stellen Entscheidungs- und Auslegungsspielräume und unbestimmte Rechtsbegriffe haben. Hätten wir das nicht, könnten wir auch eine künstliche Intelligenz entscheiden lassen. „Wie es dieser armen kleinen Frau geht, die jahrelang missbraucht wurde und versucht hat, sich mit Alkohol zu betäuben, fragt niemand“, erzählt Andreas wütend. „Sie liegt auf der Inneren, man behandelt ihre Symptome. Vielleicht sind die blauen Flecken weg, die Gastritis weg, die Leberwerte wieder normal. Dann schicken wir sie wieder nach Hause – und dann geht dieser ganze Scheißdreck wieder von vorn los.“ Wie gesagt:

Ich weiß, dass es Entscheidungs- und Auslegungsspielräume gibt. Mein Job war es mal, diese zu finden und im Sinne meiner Mandanten zu nutzen. Doch solange es Menschen gibt, denen andere Menschen egal sind, werden Menschen durch unser soziales Raster fallen. Das macht nicht nur Andreas Schimkat wütend, sondern auch mich.

Es ist eine Frage der Menschlichkeit. Wie wir miteinander umgehen, sollte keine Frage von Gesetzen und Verordnungen sein. Es ist eine Frage der Menschlichkeit. Die Entscheidung, wie wir einander begegnen, liegt in unserer Hand. Davor, sie zu treffen, können wir uns nicht verstecken. Sie wird auch immer Konsequenzen haben. Mal harmlose, mal weniger harmlose, mal für mich, mal für andere. Vielleicht setzen wir mit unserer nächsten Entscheidung eine Ereigniskette in Gang, an deren Ende es nicht mal mehr ein böses Erwachen gibt. Vielleicht aber auch nicht. Es könnte genauso gut alles besser werden. Dass wir diejenigen, die in ihrem Leben eine im Nachhinein fatale Entscheidung getroffen haben, nicht aus unserer Gesellschaft ausschließen, sind wir nicht nur ihnen selbst schuldig. Sondern auch Menschen wie Andreas Schimkat. Der uns allen, nicht nur mir, Vorbild sein sollte. Weil er uns zeigt, dass es auch Wege aus dem Sumpf gibt. Und damit Tage, die dein Leben verändern, die für immer in deinem Kopf bleiben.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

nächste Geschichtenächste Geschichte