Wir sind hier eine kleine Familie. Mit 150 Kindern.

Elisabeth Wünschmann

Einrichtungsleiterin der
Ambulanten Hilfen Freital
im Gespräch mit Michael Weißflog

Elisabeth Wünschmann telefoniert. Mal wieder. Mal wieder ist jemand am Telefon, der ihre Hilfe braucht. Mit beeindruckender Geduld hört sie zu, überlegt, antwortet. Es ist eines dieser Gespräche, deren ruhige Art Balsam für die Seele sind. Bei denen man sich außer Stande fühlt, irgendwann aufzulegen. Für die man Zeit braucht, die stets zu knapp bemessen scheint. Auch bei ihr. Sie nimmt sie sich trotzdem. Hochkonzentriert geht sie beim Telefonieren mit leisen, sanften Schritten durch ihr Büro. Ein großer Raum, der in einem dezenten Gelbton gestrichen ist. In dem Schreibtische, Aktenschränke, Drucker und ein Besuchertisch stehen. Und mittendrin Tom*. Ein groß gewachsener, kräftiger Mann Anfang 20. Frisch geduscht und modisch gekleidet steht er da. Er will zur Disko gehen und vorher noch Tschüss sagen. Doch statt ins Gespräch zu fallen, wartet er. Quälende Minuten lang. Am Telefon werden noch immer Probleme gelöst, Elisabeth läuft auf und ab, Tom verfolgt das Geschehen wortlos. Doch seine Augen sind auf sie gerichtet, folgen jedem ihrer Positionswechsel im Raum. Vom Fenster zum Schreibtisch zum Schrank und vorbei an Tom. Blickkontakt. In diesem Moment beginnen ihre blauen Augen zu strahlen, in ihrem Gesicht zeichnet sich ein Lächeln ab, das Herzen erobert. Es sind die kleinen Gesten, die das Normale besonders und das Besondere normal machen. Mit ihrer Hand stippt sie liebevoll die Kordeln an Toms Hoodie an. Ein unmissverständliches Zeichen: Ich nehme dich wahr. Ich weiß, dass du da bist und freue mich darüber. Und ich habe so schnell wie möglich Zeit, nur für dich. Toms Reaktion darauf ist kaum sichtbar, aber es gibt sie. Doch man braucht feine Antennen, um sie wahrzunehmen. Und sehr viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihm. Denn Tom ist Klient des Ambulanten Behindertendienstes in Freital. Einer von insgesamt rund einhundertfünfzig.

Hier, im Erdgeschoss eines unauffälligen Altbaus in einer Seitenstraße, die den Dresdner Stadtteil Coschütz-Gittersee mit Freital verbindet, finden sich Tag für Tag Menschen mit Behinderung ein. Vorwiegend Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene. Sie kommen nach einem anstrengenden Tag in der Schule oder Werkstatt hier her. An einen Ort der Geborgenheit, an dem man zur Ruhe kommen kann. Für ein paar Stunden nur, aber immerhin. Sie kommen allein, sofern sie dazu in der Lage sind. Meistens sind es jedoch Fahrdienste, die sie bringen und holen. Und manchmal auch die Mitarbeiter der Lebenshilfe. Die Freude über das Wiedersehen ist auf beiden Seiten immer wieder groß. Der Start der gemeinsamen Zeit kann bisweilen aber auch holprig sein. Anfangs, weil man sich noch nicht kennt. Später, weil man anderen Menschen gegenüber vielleicht verschlossen ist. Oder weil man aufgrund seiner Behinderung gar nicht anders kann. Klar, man muss sich erst kennenlernen. Aber irgendwann muss auch hier im ABD der Alltag in Form von Regelmäßigkeiten und gefestigten Strukturen einziehen. „Wenn ich immer wieder mit einer neuen Gruppenbildung anfangen würde, dann würden die Klienten auch immer wieder anfangen, sich gegenseitig ihre Positionen zu erkämpfen,“ erklärt Elisabeth.

Klienten, schießt es mir durch den Kopf. Man spricht hier von Klienten. In meiner Welt waren Klienten bisher immer diejenigen, die von Anwälten und Dergleichen beraten werden. Aber hier meint man damit Menschen mit Behinderung. Warum ist das so? Vielleicht gibt’s bei Wikipedia eine Erklärung dafür. Ich sollte das später nachlesen. Obwohl, eigentlich könnte ich ja auch einfach jetzt fragen, was es damit auf sich hat. Wieso gerade Klienten? Und nicht Kunden, Mandanten oder Patienten? Was mich davon abhält, nachzufragen, ist Scham. Davor, mich mit dieser Frage zu blamieren. Weil mir diese Welt doch so fremd ist, dass ich nicht einmal weiß, ob es ok ist, „Behinderte“ zu sagen oder ob man immer von „Menschen mit Behinderung“ sprechen muss. Das wiederum wird wohl auch Wikipedia nicht wissen.

Also frage ich sie. Vorsichtig. „Du sprichst von Klienten…“ Weiter komme ich nicht, denn ihre Antwort folgt auf dem Fuße. Verständnisvoll, aber bestimmt: „Menschen mit Behinderung sind nicht krank, also keine Patienten. Außerdem klingt das doch sehr abwertend.“ Klare Worte, die die Einrichtungsleiterin formuliert. Aber es stimmt: Patienten bekommen eine Heilbehandlung. Mit dem Ziel, dass es ihnen anschließend besser geht. Oder gar nicht erst schlecht, wenn man an Vorsorgeuntersuchungen denkt. Gedanklich stelle ich die Gegenprobe an:

Rund neun von zehn Deutschen leben mit Herpes-simplex-Viren. Als krank oder gar Patient würde sich deswegen wahrscheinlich nicht ein einziger bezeichnen. Man hat es, man lebt damit. So, wie man letztlich auch mit einer geistigen Behinderung leben muss. „Weg-Heilbehandlung“ ausgeschlossen. Klingt schlüssig, also ändere ich den Eintrag unter Klienten in meinem Wortschatz. Die Menschen, für die sie und ihr Team hier da sind, sind Klienten.

Ein Auto hat im Hof gehalten, bringt Kinder aus der Schule. Elisabeth verlässt den Raum. Und plötzlich herrscht Aufregung im ABD.

Im Gang höre ich ein Gewirr aus Stimmen, irgendetwas scheint anders als normalerweise zu sein. Irgendwer gibt Anweisungen, irgendjemand anderes stimmt zu. Schnelle Schritte auf dem Gang, Türen gehen auf, Türen gehen zu. Dann: Ruhe. Eine beklemmende Situation.  Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit.

Wieder bin ich dabei, mich in Gedanken zu verlieren. Was ist wohl passiert? Sollte ich nachsehen? Oder bin ich dann nur ein Gaffer, stehe im Weg, verschlimmere die Situation nur? Fachlich kann ich sicher nichts beitragen, denke ich mir. Ich weiß ja nicht mal, was überhaupt los ist. Vielleicht ist auch gar nichts Besonderes passiert. Dann zumindest spräche ja nichts dagegen, einen Blick zu riskieren. Soll ich‘s machen? Soll ich‘s lassen? Engel links, Teufel rechts. Ja? Nein? Ich entschließe mich, meiner Neugier nachzugeben und fürs Erste bis zur Tür zu gehen. Nicht zu schnell, denn ob ich sie öffne oder nicht, entscheide ich, wenn ich da bin. Diese Lösung zaubert mir ein leichtes Lächeln ins Gesicht. Clevere Idee, denke ich mir. Ich mache den ersten Schritt. Gefolgt von einer kurzen Pause. Dann noch ein Schritt. Wieder eine kurze Pause. Noch ein Schritt – Husten. Auf der anderen Seite der Tür. Ich höre jemanden husten. In einer Art und Weise, die Unbehagen in mir auslöst. Wenn es im Hals kratzt, hustet man auch. Aber nicht so. Wenn man erkältet ist, hustet man auch irgendwie anders. Ein flaues Gefühl macht sich in meinem Magen breit. Ich kenne das. So hustet man, wenn man seinen Brechreiz unterdrücken muss, es aber nur mit Müh und Not schafft. Wenn es einen immer wieder würgt, man kurz davor ist, sich zu übergeben, dann hustet man so. Es gibt nicht viele Auslöser, dass einem von jetzt auf gleich schlecht wird. In meinem Kopf habe ich Puzzlestücke, die noch nicht recht zusammenpassen wollen. Doch mit jeder Sekunde, die vergeht, wird das Bild deutlicher: Ein Auto kommt, es herrscht Trubel, jemand hustet vor Übelkeit. Mir wird klar, dass auch das zu Elisabeths Job gehört: Der Umgang mit Kotze. Nicht der eigenen, sondern fremder. Ein Anblick, der selbst Hartgesottenen immer wieder viel abverlangt. Der weit über die persönliche Ekelgrenze hinaus verlangt, da zu sein. Ich stelle mir zwangsläufig die Frage, ob ich dieser Situation standhalten würde. Nicht nur, weil Anblick und Geruch weit außerhalb meiner Komfortzone liegen. Sondern vor allem, weil auch jetzt Professionalität gefordert ist. Denn in diesem Zustand an Gruppenaktivitäten teilzunehmen, ist unmöglich. Nicht nur aus hygienischen Gründen. Was für eine Scheiß-Situation. Für alle Beteiligten. Ich gehe zurück, die Tür lasse ich lieber zu. Hier bin ich in „Sicherheit“. Aber mit meinen Gedanken auch allein.

Ins Auto gekotzt – ein solches Malheur kann jedem von uns passieren. Wem beim Autofahren nicht selbst schlecht wird, der kennt zumindest meistens jemanden, dem das passiert. Zur Übelkeit an sich gesellt sich dann im Fall der Fälle auch noch die Scham, die Kontrolle über den eigenen Körper verloren zu haben. Passiert.

So sehen es wohl auch die Mitarbeiter des ABD. Vor allem aber nützt es nichts: Die Klamotten müssen in die Wäsche. Nicht zwingend hier, aber spätestens zuhause. Bis dahin tut es wohl eine dicht verschlossene Tüte zum Zwischenlagern. Die bekommen die Eltern heute Abend mit und morgen ist die Welt wieder in Ordnung. Doch hier und jetzt müssen die Sachen erstmal vom Körper. Klingt wahrscheinlich einfacher, als es in der Praxis ist. Wer Kinder hat, weiß, wie schwierig und nervtötend es sein kann, einen anderen Menschen an-, aus- oder umzuziehen. Aber es geht gerade nicht um ein kleines Kind, das nur bockig ist. Sondern um einen Jugendlichen mit entsprechender Statur. Dringlichkeit und Rücksichtnahme sind das eine, Kraft und Körpergröße das andere. Es gilt, selbst in dieser Situation die Würde des anderen nicht zu vergessen oder sie gar auszublenden. Niemandem wäre geholfen, wenn die Klamotten zwar effizient und effektiv ausgezogen würden, aber sich derjenige, dem im wahrsten Sinne schon zum Kotzen zumute ist, dabei zusätzlich hilflos und gedemütigt fühlt. In der Praxis bedeutet die Würde eines Menschen zu achten, sich Zeit für ihn zu nehmen. Und zwar nicht nur die auf statistischen Werten beruhende, in Dienstanweisungen festgesetzte, sondern die seiner aktuellen Lage angemessene. Schließlich ist dieses Ereignis für keinen der Beteiligten besonders schön oder gar rein objektiv zu betrachten. Sicher kann man lernen, den Widerwillen gegen das Anfassen vollgekotzter Kleidung zu überwinden und den Würgereiz zu unterdrücken. Doch auch wenn der klare Kopf unverzichtbar ist, geht es immer noch darum, einem in seiner Obhut befindlichen Menschen zu helfen. Mag sich der eigene Körper immer wieder gegen die Situation wehren, wie er will, durch müssen da jetzt alle. Obwohl es in diesem Augenblick nicht um Leben und Tod geht, ist es eine nervenaufreibende Situation. „Erkenne und bewerte die Situation; überlege, was zu tun ist und dann handle.“ So einen Merksatz scheint es für Elisabeth und ihre Kolleginnen und Kollegen zu geben. Wenige Minuten, nachdem ich den Trubel auf dem Flur vernommen habe, geht die Tür ihres Büros auf. Während sie den Raum betritt, reibt sie sich gewissenhaft die Hände. Als sie mir gegenüber Platz nimmt, steigt mir der typische Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase. „Alles ok?“ frage ich neugierig. Bevor sie antwortet, zieht sie für den Bruchteil einer Sekunde ihre Augenbrauen hoch, ein Lächeln huscht durch ihr Gesicht. „Naja, es hat jemand beim Autofahren gebrochen. Wir mussten ihn also umziehen.“ Die Unaufgeregtheit, mit der sie das sagt, beeindruckt mich. Für den Augenblick lässt sich alles Emotionale mit Routine ausblenden. 

Aber was passiert nach Feierabend? Kommt dann alles wieder? Riecht, hört, sieht man dann alles nochmal? Würgt es einen beim Gedanken daran wieder? Durchlebt man die Situation als Beobachter noch ein zweites Mal und stellt sich die Frage, ob man alles richtig gemacht hat? Was man hätte besser machen können, ob man hätte zärtlicher sein können, an irgendeiner Stelle noch mehr Rücksicht nehmen müssen? Mit wem redet man über solche Erlebnisse? Redet man überhaupt darüber? Stellt man sich oder anderen die Frage, wie das Klienten empfunden haben, ob sie zum Beispiel Angst hatten, in welchem Moment sie sich unwohl oder ausgeliefert gefühlt haben könnten? Und was macht das mit einem, wenn man einen schlechten Tag hat?

Es sind Momente wie diese, die viele Menschen mit „Deinen Job könnte ich nicht machen“ kommentieren. Mich eingeschlossen. Leider. Denn es reduziert diesen Job auf Oberflächlichkeiten, die bei mir Ekel auslösen: menschliche Exkremente jeglicher Art. Dieser Satz, den Elisabeth immer wieder hört, ärgert sie. Macht sie, wie sie sagt, nachdenklich und lässt sie ratlos zurück. In den allermeisten Fällen ist diese Aussage arglos formuliert, gar nicht böse gemeint, aber eben auch nicht von Wertschätzung getragen. Damit sagen will ich jedoch etwas anderes. Nämlich, was mir unendlich schwer fiele: Eine solche Situation nicht nur schnellstmöglich hinter mich zu bringen und anschließend möglichst schnell alle Details zu vergessen, sondern währenddessen in besonderem Maße Rücksicht zu nehmen. Doch genau hierin liegt das Problem. „‘Ich könnte deinen Job nicht machen.‘ hat eine ganz andere Botschaft als ‚Ich würde das nicht machen wollen, weil ich es nicht könnte.‘“, erklärt mir Elisabeth. Treffer, Punkt für sie, Botschaft angekommen. Deinen Job könnte ich nicht machen.

Für solche Nuancen muss man ein Gespür haben. Das hat man in den allermeisten Fällen dann, wenn Sprache ein Werkzeug ist, das man professionell verwendet. Weil man damit in anderer Menschen Köpfe Bilder schafft, sie an den eigenen Erfahrungen und Gedanken teilhaben lassen kann. ‚Worte sind Waffen. Haltet sie scharf.‘ hat Kurt Tucholsky einst gesagt. Sprache ist für Elisabeths Kampf gegen Missverständnisse ein unverzichtbares Werkzeug, soviel ist klar. Und ihre Waffe ist nicht nur scharf, sie weiß sie auch einzusetzen. Das erkenne ich schon daran, wie sie sich ausdrückt, ihre Gedanken formuliert: Wohlüberlegt, mit Sätzen, zwischen die kein Blatt Papier passt. „Du scheinst viel schreiben zu müssen.“, stelle ich fast beiläufig fest. Das zumindest deute ich aus den Aktenstapeln und Ordnern, die im Raum omnipräsent sind: Vorgaben der Lebenshilfe, gesetzliche Regelungen, Entwicklungsberichte der Klienten. „Ich bin niemand, der nur Büroarbeiten machen oder Zettel hin und her schieben möchte. Wenn ich mal drei Wochen nicht am Klienten war, merke ich, dass mir das fehlt. Aber Entwicklungsberichte zum Beispiel schreibe ich gern. So, dass derjenige, der das liest, den Menschen vor sich sieht. Ihn sich vorstellen kann, weiß, wie er ist, was er kann, was vielleicht noch geübt werden muss.“ „Derjenige“, das sind in den meisten Fällen Menschen, die Elisabeth kennt. Weil sie in deren Büros in Ämtern, Behörden oder Schulen immer wieder über ihre Klienten spricht. Sprechen muss. „Ich kann nicht behaupten, dass all diese Menschen keine Ahnung von der Praxis haben. Doch sie sitzen größtenteils an ihren Schreibtischen und bearbeiten Anträge. Sie sehen unsere Klienten nicht, haben also nicht wirklich ein Bild von ihnen.“, erklärt sie. Die Begeisterung für ihren Job scheint von einer Sekunde auf die andere wie ausradiert.

Das muss ich sacken lassen. Wieder einmal beginnt sich mein Gedankenkarussell zu drehen. Schon bei der Vorstellung läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Was würde mich in dem Fall erwarten? Die mir bekannte Person X beschreibt mich mit all meinen Stärken und Schwächen einer mir unbekannten Person Y. Soweit komme ich gedanklich noch mit, denn das ist bei Beurteilungen oder Zeugnissen schließlich auch irgendwie so. Doch Person Y sind weder meine Eltern – die mich ja kennen – noch der neue Chef, der mich im schlimmsten Fall nicht zum Vorstellungsgespräch einlädt. Nein, Person Y sitzt an einem Schreibtisch, entscheidet über Anträge und Förderungen und greift damit vehement in mein Leben ein. Schlimmstenfalls, ohne mich je gesehen zu haben. Was für eine deprimierende Ausgangssituation. Fast so, als ob eine unbekannte Macht dafür gesorgt hat, dass es mindestens einen Verlierer gibt. Oder sogar nur Verlierer. Soviel zum Thema Unantastbarkeit der Menschenwürde. Wir verknüpfen aus ökonomischen Gründen menschliche Schicksale mit den schriftstellerischen Fähigkeiten von Pflegefachkräften. Darauf hoffend, das Person X zwischen den Zeilen schreiben und Person Y zwischen den Zeilen lesen kann.

Irgendetwas scheint sie umzutreiben. Sie beugt sich ein Stück zu mir vor, als ob das, was sie zu sagen hat, unter uns bleiben soll. „Ich habe mal eine Bewerbung bekommen, zu der eine fünfseitige Abhandlung über Inklusion gehörte.“ Kurze Gedankenpause.

„Das war interessant zu lesen, aber hatte mit der Praxis relativ wenig zu tun. In meiner Ausbildung gab es ein Bild, an das ich mich heute noch erinnere: Ein dickes Pulk voller schwarzer Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Männlein. Und mittendrin ein rotes, das gar nicht auffiel. Weil es Teil des Ganzen war; wie auch ein Mensch mit Behinderung Teil unserer Gesellschaft, einer von uns, einer unter uns ist. Aber in der Realität ist das leider noch nicht so. Als ich FSJ hatte, war ich mit einem autistischen, stark verhaltensauffälligen Menschen unterwegs.“ Sie wird lauter, in ihre sonst ruhige Stimme mischt sich eine Kombination aus Ratlosigkeit und Verzweiflung. „Man hat mich angestarrt, mir mit Blicken die Frage ‚Wie kann ein so junges Mädchen mit so Einem draußen rum laufen?‘ gestellt. Diese spürbare Trennung in ‚Normale‘ und ‚Andere‘ macht mich wütend.“ Sie atmet durch. „Aber irgendwann dachte ich mir, dass es mir doch vollkommen egal sein kann, was die Leute denken. Ich finde meinen Job geil und ich mache es gern. Mittlerweile bin ich aber so, dass ich die Skeptiker da draußen gern ein bisschen abholen will. Denn wir können ganz viel von Menschen mit Behinderung lernen. Weil sie nicht in dieser Klein-Klein-Welt gefangen sind, in der es nur um materielle Werte geht. So etwas ist denen vollkommen egal. Sie können sich über die ‚kleinen Dinge‘ freuen. Und erzählen mir drei Jahre später noch voller Freude davon, dass wir im Sommer Eis essen waren. Das ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Das wir uns einfach mal wieder an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen können.“

Sie schaut mich fragend an, erwartet wohl, dass ich dazu etwas sage. Mache ich auch; gleich. Ich muss mich kurz sammeln, die Bilder aus meinem Kopf bekommen, wenn ich darüber nachdenke, wie man sie damals mit Blicken mehr oder weniger gestraft hat. Dafür, dass sie für einen anderen Menschen da war. Und bis heute ist.

Vor meinem geistigen Auge rasen fast vier Jahrzehnte Lebensgeschichte vorbei. Ich bin auf der Suche nach Erlebnissen, in denen Menschen mit Behinderung vorkommen. Und Menschen wie Elisabeth. Habe ich sie angestarrt und ihnen so mit meinen Blicken Unrecht getan? Die Bilder sortieren sich. Plötzlich sehe ich sie wieder vor mir: Die Frau mit Tourette, die mir als Kind immer mal wieder über den Weg lief. Und ja, auch ein wenig unheimlich war. Oder der Junge, dessen Behinderung ich bis heute nicht einordnen oder benennen kann, dem man sie aber ansah und anmerkte. Auch an den Mann mit amputierten Beinen, der seinen Rollstuhl über lange Hebel per Muskelkraft bewegen konnte, kann ich mich erinnern. ‚Guck da nicht so hin!‘ haben meine Eltern immer gesagt, wenn ich ihnen mehr als einen flüchtigen Blick schenkte. Aber war das Inklusion? So genannt hat es in meinem Umfeld zu dieser Zeit zumindest niemand. Vielleicht aber gemeint. Doch die Frage bleibt: Wie geht man denn nun mit diesen Menschen um? Darf man sie angucken oder soll man absichtlich weggucken? Ist das dann nicht auch eine Form von Diskriminierung, wenn jeder Mensch den Blick von einem abwendet? Ich bin weiß Gott keine Rampensau, aber wenn sich alle wegdrehen würden, wenn sie mich sehen, würde ich durchdrehen. Gedanklich wieder im Hier und Jetzt frage ich mich, ob sich die gesellschaftliche Denkweise in puncto Behinderung wirklich geändert hat, oder wir nur mehr darüber sprechen. Apropos:

„Kann dabei so ein ambitioniertes Vorhaben wie das Bundesteilhabegesetz überhaupt helfen?“, frage ich. „An sich ist das eine gute Idee“, entgegnet sie mir. „Aber wie soll das umgesetzt werden?“ Elisabeth zuckt mit den Schultern. Ich auch. „Nehmen wir mal Freital als Beispiel. Gegenüber der Schule für geistige Förderung befindet sich ein Altenpflegeheim. Aber an dem Bahnhof dort gibt es nur eine Treppe, keinen Aufzug. Wir kommen dort nicht zum Bahnsteig, weil wir Rollstühle die Stufen runter bugsieren müssten. Das geht aber nur zu dritt, mit Hängen und Würgen zu zweit. Wir müssten uns also in einen Bus setzen, zum nächsten Bahnhof fahren und dort einsteigen. Jetzt weiß man aber, dass in einen Bus maximal ein bis zwei Rollstühle passen. Das heißt, die anderen Kinder müssten da bleiben und Gruppenausflüge würden ausfallen. Laut Bundesteilhabegesetz könnte man jetzt verlangen, dort einen Aufzug zu bauen. Und zwar einigermaßen schnell. Obwohl es den Grund dafür schon seit Jahren gibt. Denn die Schule und das Altenpflegeheim sind ja nicht erst plötzlich da aufgetaucht. Aber es passiert einfach – nichts.“ Schöne Scheiße, denke ich mir und erinnere mich an einen gut in unserem Büro sichtbaren Leitspruch: ‚Machen ist besser als dichten und denken.‘ Vielleicht brauchen wir nicht noch mehr Gesetze, sondern mehr Macher. Mehr Pragmatiker, die aus Mitmenschlichkeit anpacken und nicht erst per Gesetz dazu gezwungen werden müssen, bessere Menschen zu werden.

Inklusion sei ein Generationenprojekt, sagt man. Dass man sich deswegen Zeit mit der Umsetzung scheinbarer Selbstverständlichkeiten lassen kann, ist damit sicher nicht gemeint. Ob wir als Gesellschaft das Thema nicht ernst genug nehmen, frage ich nach. „Ich würde mir erstmal die Akzeptanz der Gesellschaft wünschen. Wir brauchen nicht großartig von mehr Inklusion reden. Es wäre einfach mal schön, wenn alle wüssten, dass Menschen mit Behinderung einfach zu uns gehören. Sie gehören genauso zu uns, wie du und ich.

Stattdessen sprechen wir von Normalen und Menschen mit Behinderung. Dabei ist doch die Frage, was überhaupt normal ist? Wir haben alle irgendeine Einschränkung. Jeder für sich hat doch seine Baustelle, mit der man zu tun hat. Ob das psychischer Natur ist oder eine Macke, an der man arbeiten kann. Man sieht es den Menschen nicht an, so, wie man mir meine Macken nicht ansieht. Was aber nicht heißt, dass es sie nicht gibt.“ Besonders normal

Die obere Bürotür geht auf. „Elli?“ höre ich eine eindeutig männliche Stimme fragend rufen. Gefolgt vom Knarren der hölzernen Treppe, die hinab in das eigentliche Büro führt. Fünf Stufen, die eigentlich auch ein schlecht geschriebener Gag sein könnten: Gerade das Büro einer Frau, die an vorderster Front für gleichberechtigte Teilhabe – wie man es Amtsdeutsch formuliert – kämpft, ist nur von der Straße aus barrierefrei. „Wollt ihr mit Abendbrot essen?“, fragt der groß gewachsene Mann, der mich ohne Probleme unter dem Arm klemmen und davon tragen könnte. Man sieht ihm seine Kraft an, aber auch seine Empathie. Seine Erscheinung strahlt eine Ruhe aus, die direkt wirkt. Elli und ich sehen uns an, nicken. „Wir kommen sofort, Ivo“, antwortet sie ihm stellvertretend für uns beide. Er lächelt zufrieden, dreht sich um und geht. Wieder knarzen die Stufen, die Tür geht zu. Wahrscheinlich sieht man mir meine Verwunderung über die Situation gerade eben an. Es passiert mir nicht oft, dass ich als „Fremder“ mit so offenen Armen empfangen werde. ‚Wollt ihr mit Abendbrot essen?‘ hat Ivo gefragt und mich damit explizit eingeschlossen. Was er nicht hätte tun müssen. Aber getan hat. Wieder einmal bin ich ergriffen. „Wir sind hier eine Familie geworden. Wir können uns alle sehr aufeinander verlassen und genießen die Gemeinschaft hier.“ höre ich sie sagen, bevor ich mich wieder in Gedanken verlieren kann. „Der ABD ist mein zweites Zuhause, da fühlt man sich überall wohl. Und dieses Zuhause-Gefühl sollen auch unsere Klienten haben. Sie sollen sich hier wohl fühlen und Spaß haben. Und nicht nur Basteln. Wir haben ganz viele Freizeitangebote, gehen mit den Kindern schwimmen, mit den Erwachsenen bowlen, machen Sport, backen mit ihnen, kochen mit ihnen. Sie sollen gern zu uns kommen und gern mit uns Zeit verbringen. Weil wir auch gern Zeit mit ihnen verbringen.“ Ob sie aus diesen Momenten ihre Kraft zieht, frage ich Elli. „Aus der Arbeit mit Klienten. Ja, ich weiß, es klingt nach einem Klischee: Wenn ich sehe, dass ein Kind mit einem Lächeln nach Hause geht. Es gibt jeden Tag kleine Erfolgserlebnisse. Es ist nicht immer nur alles doof und anstrengend und schlimm.

Wäre es so, würde ich den Job nicht mehr machen. Aber nach drei Wochen im Büro vermisse ich die Kinder. Und wenn sie dann da sind, muss ich mich einfach mal fünf bis zehn Minuten mit ihnen hinsetzen und über den Tag unterhalten. Auch wenn ich die Gruppe eigentlich nicht habe. Dann ist es mir auch vollkommen egal, ob ich das als Arbeitszeit schreiben kann oder nicht. Dann investiere ich halt meine Pause oder Freizeit. Rein wirtschaftlich lohnt es sich nämlich nicht, dass wir als Einrichtungsleiter auch die Betreuung übernehmen, obwohl es eigentlich so angedacht ist.“

Geld, denke ich mir, es liegt am Geld. Wieder mal. Alles eine Frage von Kostenstellen und Bewilligungsbescheiden. Person Y entscheidet nicht nur über Menschen mit Behinderung, sondern auch über das Leben von Elli. Mir ist zum Heulen zumute.

„Vom Personalschlüssel ist es auch nicht anders zu stemmen, wir sind hier nur zu zwölft. Als ambulanter Dienst sind wir viel unterwegs, zum Beispiel in der Schulintegration. Die Zeit, früh in jede Schule zu fahren und zu gucken, ob alles richtig läuft, habe ich nicht. Wir müssen alle sehr selbständig sein, uns aufeinander verlassen können, uns vertrauen. Das gilt auch für unsere Azubis, die ich auch praktisch unterstützen muss, und denen ich nicht nur aufgrund von Hörensagen Ratschläge erteilen kann.“ Das scheint das Stichwort zu sein. Elisabeth steht auf und signalisiert mir mit ihrem Blick, dasselbe zu tun. Stimmt, wir wurden zum Abendessen gerufen. Zeit, kurz durchzuatmen.

Für mich sind unsere Kinder gleichwertige Partner. Sie sollen hier Spaß haben, gern ihre Freizeit verbringen, spüren, dass es schön ist, dass sie da sind“, sagt sie, während wir gemächlich zur Tür gehen. „Sie sollen auch einfach mal Ruhe genießen können und nicht nach der Schule oder Werkstatt, die für sie ja auch anstrengend ist, noch tausend Dinge tun müssen. Wir wollen sie fördern, aber nicht überfordern. Tina* zum Beispiel wird von vielen Seiten gerade ganz ganz viel abverlangt. Deswegen soll sie bei uns entspannen können. Sie kann mit uns auf dem Sofa chillen, wir spielen mit ihr, lesen ihr etwas vor, singen mit ihr Lieder. Mir ist wichtig, dass es ihr hier gut geht. Ob sie nun ordentlich aus einer Tasse trinkt oder nicht, steht da erst an zweiter Stelle. Hauptsache, sie trinkt.“ „Wer übt denn diesen Druck auf die Kinder aus? Und wie äußert sich das?“, frage ich nach. „Wir. Als Gesellschaft. Stellvertretend dafür Geldgeber, also Ämter und Behörden. Aber auch Eltern.“ „Eltern?“ „Eltern. Jedes Elternteil sieht sein Kind doch als etwas Besonderes an.

Und das ist auch gut so! Trotzdem sollte man seine Kinder immer auch realistisch betrachten. Und da reden wir nicht nur von Menschen mit Behinderung, sondern über ganz normal entwickelte Kinder.“ Jetzt wird’s spannend, denke ich mir, bleibe stehen und sehe sie mit fragendem Blick an. „Sprich weiter!“ soll er ihr vermitteln. Die Botschaft kommt an. „Es würde schon helfen, ein wenig minimalistischer zu denken. Was ist denn realistisch, was der Mensch als individuelles Wesen schaffen kann? Oft werden die eigenen Träume auf Kinder projiziert, aber auch die Defizite. Wenn du zum Beispiel dein Kind davon abhältst, auf einem Klettergerüst ganz nach oben zu klettern, obwohl es das ohne runter zu fallen könnte. Dann projizierst du deine Angst auf das Kind. Das ist gefährlich, denn du entwertest damit eine Leistung, eine Fähigkeit, aus Angst. Aus deiner Angst, nicht der deines Kindes. Man sollte sich selbst auch immer wieder reflektieren.“ Damit trifft sie einen wunden Punkt; sicher nicht nur bei mir. Denn ganz ehrlich: Wie oft denkt man schon über sein eigenes Denken nach?

Eine kirschbaumfarbene Tür ist für mich das Tor in eine andere, mir unbekannte, Welt. Ich weiß, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung hier ihren Nachmittag verbringen. Davon, wie sie das tun, habe ich keine Vorstellung. Sobald sich die Tür öffnet, wird alles mir Bekannte Kopf stehen, dann bin ich „der Andere“, während alle anderen „die Normalen“ sind. Elli drückt die Klinke nach unten und macht auf. Vor mir entfaltet sich eine bunte und lebendige Welt. Wir stehen in einem großen Zimmer, das den Charme einer WG hat. Ich sehe mich um, suche Orientierung. Auf der rechten Seite befindet sich eine moderne Küchenzeile, in der Mitte ein großer Tisch mit Stühlen und links ein Sofa, das seine besten Tage bereits hinter sich hat. Quer durch den Raum zieht sich eine Schnur, an der Urlaubspostkarten befestigt sind. Es gibt einen Fernseher, ein Radio, Spiele, Bücher. Alles wirkt sehr heimelig, vertraut, einladend. Ivo und Tabea, die eine berufsbegleitende Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin bei der Lebenshilfe macht, kümmern sich ums Essen. Am Tisch spielen zwei Jungs Mensch ärgere dich nicht!, einer hat einen Nintendo 3DS in der Hand, auf dem Sofa sitzen scheinbar teilnahmslos ein Mädchen und ein Junge. Irgendjemandem hier im Raum ist vorhin im Auto schlecht geworden. Wem, ist vollkommen egal, denn hier ist niemand fehl am Platz, niemand überflüssig, niemand jemandem eine Last. „Hallo“, grüßt Elli selbstbewusst und hörbar freudig in die Runde, ich schließe mich an – deutlich zurückhaltender. Die Augen richten sich auf uns, mustern mich kurz. Für die Kinder bin ich kein „Anderer“, sondern ein Unbekannter. Ein Gast. Und damit ist es für sie gut. Für mich auch.

Diesen Job mit Leidenschaft auszufüllen, heißt zwangsläufig, sich ihm hinzugeben. Denn es ist kaum vorstellbar, dass das Arbeitspensum in einer 40-Stunden-Woche zu schaffen ist. Realistisch scheinen mir wohl 50, eher sogar 60 Stunden.

Doch bleibt da überhaupt Zeit für eine eigene Familie? Sind Konflikte vorprogrammiert, wenn es mal wieder länger dauert; wenn Elli und ihre Kollegen später nach Hause kommen als gedacht? Wieviel Verständnis kann man seinem Partner abverlangen, für andere mindestens genauso oder sogar mehr da zu sein, wie für ihn? Wie lange kann man den Wunsch nach eigenen Kindern Richtung Zukunft schieben, ohne daran zu zerbrechen, dass er unerfüllt bleibt?

Elli liebt Kinder, das merkt man ihr an. Doch für eigene müsste sie die Kinder hier, ihre Arbeitsfamilie, ein Stück weit aufgeben und weniger Zeit mit ihnen verbringen. Familie und Beruf in dem aktuellen Ausmaß unter einen Hut zu bekommen, scheint eine Zeit lang nicht zu klappen.

Wird das besser, wenn wir uns stärker sozial engagieren? Oder wenigstens darauf achten, wen wir als Vertreter in politische Ämter entsenden? Wer, wenn nicht wir, soll dafür sorgen, dass in Ministerien, Gremien und Ausschüssen Politiker sitzen, die Lösungsansätze oder zumindest den Willen haben, die Rahmenbedingungen der Pflegebranche an die Lebenswirklichkeit anzupassen?

Einfach den Stift fallen lassen und morgen weitermachen ist ausgeschlossen. Dafür fehlt es an Personal, das lassen die Umstände nicht zu. Fakt ist, dass der ABD keine Öffnungszeiten hat, wie man das von Supermärkten, Behörden oder Kindertageseinrichtungen kennt. Das Team um Elli ist da, wenn es gebraucht wird. Von Montag bis Freitag, samstags, sonntags, nachts. Letzteres, weil Klienten beim ABD in Freital auch übernachten können. Wenn Eltern mal eine kurze Auszeit brauchen, was völlig legitim ist und jeder, der Kinder hat, nachvollziehen kann. Wenn erwachsene Menschen mit Behinderung nicht mehr mit ihren Eltern in den Urlaub fahren wollen und dann ‚in der Lebenshilfe Urlaub machen‘. Oder aber wenn sich Eltern vorübergehend nicht um ihr behindertes Kind kümmern können, weil sie krank – oder schlimmer – im Krankenhaus sind. Dafür gibt es hier entsprechend eingerichtete Zimmer. Mit allem, was man braucht: Pflegebetten, Kleiderschränke, Spielzeug. Und hingebungsvolles Personal, das zuletzt an sich selbst denkt.

Ivo öffnet den Backofen und zieht ein Backblech heraus. Das Abendessen. Der Duft frisch überbackener Toasts durchzieht den Raum. An dessen anderen Ende sitzt das Mädchen nach wie vor auf der Couch, wippt nur leicht vor und zurück. Es wirkt, als wäre sie in einer anderen Welt. Ein Trugschluss: Sie nimmt ihre Umwelt sehr wohl wahr. Elli beobachtet sie, scheint ganz genau zu wissen, was in ihr vorgeht. Sie steht auf, macht einige Schritte in Richtung Sofa, schenkt ihre Aufmerksamkeit nur ihr. Ich bleibe als Beobachter zurück. Ruhig setzt sie sich neben sie, redet leise und sanft mit ihr. Mit einem Tuch tupft sie behutsam Speichel von ihren Mundwinkeln. Mit zwei Fingern streichelt sie ihr sanft über die Wange, streicht eine ins Gesicht hängende Strähne ihrer langen, dunkelblonden Haare hinter ihr Ohr. Das wird Tina sein. Und nein, denke ich mir, Tina ist keine Behinderte. Sie ist in allererster Linie ein Mensch. Wie du und ich. Nur eben mit einer Behinderung. Ein Mensch mit Behinderung. Aber was macht das schon für einen Unterschied? Ich muss auch kein Mitleid mit ihr haben. Denn das würde voraussetzen, dass sie leidet. Aber sie sieht zufrieden aus, auf ihre ganz eigene Art, die sich – ganz wertfrei – von meiner unterscheidet. Ich habe Mitgefühl, freue mich mit ihr, dass sie hier die Umgebung hat, die ihr gut tut. Ich habe Mitgefühl, freue mich mit ihr, dass sie hier die Umgebung hat, die ihr gut tut.

Überhaupt scheint es allen hier anwesenden Kindern gut zu gehen. Unter Druck gesetzt wirkt für mich niemand, auch nicht von den Eltern. Da Person Y abermals eine entscheidende Rolle zu spielen scheint, bohre ich nach. Und erfahre, dass es in der Pflegebranche üblich ist, den Entwicklungsstand der Betreuten zu erheben. Das ist an sich weder ungewöhnlich noch grundsätzlich falsch. Entscheidend ist, welche Kriterien erhoben werden und was daraus abgelesen wird. Denn bei der rein sachlichen Betrachtung wird schnell vergessen, dass es immer noch um einen Menschen geht. Das eigentliche Dilemma sind die Konsequenzen, die mit Bewertungsbögen verbunden sind. Da Ziele definiert werden müssen, setzt man die Entwicklung eines Menschen, in diesem Fall mit Behinderung, in den Kontext, dass immer irgend etwas besser funktionieren muss als in der Vergangenheit. Klappt das nicht, steht schnell die Frage im Raum, was seit der letzten Erhebung überhaupt gemacht und erreicht wurde. Denn das ist aus einem solchen Bogen nicht ersichtlich. Im besten Fall besteht bei allen Einigkeit darüber, dass manche Sachen einfach Zeit brauchen. Im Zweifelsfall werden Leistungen gekürzt. Person Y fängt an, mir leid zu tun. Denn auch sie ist im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft gefangen. In der die Vorstellung herrscht, dass jeder Leistung immer auch eine Gegenleistung gegenüberstehen muss. Ich hoffe inständig, dass Person Y zwischen den Zeilen lesen kann, die Person X geschrieben hat.

Toast Hawaii: eine Scheibe Toastbrot, etwas Butter, Schinken, Ananas, Käse, im Ofen überbacken. Es kann so einfach sein, anderen eine Freude zu machen. Dafür zu sorgen, dass man sich gut aufgehoben, zuhause fühlt. Ich frage Elli, ob es hier immer so harmonisch ist oder sich mir ein falsches Bild aufdrängt. „Na klar gibt’s hier auch mal Ärger und na klar machen unsere Klienten auch mal Mist. Aber auch ein Mensch mit Behinderung darf Grenzen aufgezeigt bekommen. Ich mache klare Ansagen und kann auch streng werden. Denn es gibt für alle Grenzen, Strukturen und Regeln, an die wir uns halten müssen. Auch für Menschen mit Behinderung. Denn nur wenn ersichtlich ist, wo Spaß endet, können wir welchen haben. Und das wollen wir. Wir wollen hier auch mal einen blöden Witz machen.“ Sie lacht, scheint sich an etwas zu erinnern. „Wir haben hier coole Kinder und Erwachsene. Die haben es auch faustdick hinter den Ohren. Ich vergesse zum Beispiel oft, wo ich meine Tasse abstelle. Meine Kollegen wissen das, merken sich, wo die Tasse steht und sagen es mir, wenn sie bemerken, dass ich sie suche. Das bekommen natürlich auch die Kinder mit und fragen mich dann: ‚Vergisst du eigentlich immer, wo du deine Tasse hinstellst? Dann musst du mal besser aufpassen!‘ Wir erziehen uns hier also auch ein Stück weit gegenseitig. Das ist wie im Privatleben, das ist Inklusion. Ich muss auch immer davon ausgehen was wäre, wenn ich mal hier bin? Wie sollen die Menschen denn mit mir umgehen?“ „So, wie ihr mit ihnen umgeht“, antworte ich spontan. Gedanklich füge ich ‚eben liebevoll, fürsorglich und wertschätzend‘ hinzu.

Es klopft an der Tür des Gruppenraumes. Einen Augenblick später geht sie langsam auf, eine Frau tritt herein. Sie grüßt freundlich in die Runde, sieht sich um. Eine Mutter, die ihr Kind abholen will. Elli steht auf, geht zu ihr, spricht mit ihr. Über was, kann ich weder hören noch habe ich das Gefühl, dass es mich etwas anginge. Eines der Kinder erkennt seine Mutter und bewegt sich mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht auf sie zu. Die Begrüßung ist herzlich, der Vorgang des Abholens routiniert. Nach und nach werden weitere Kinder abgeholt, es ist Feierabendzeit. Ein weiterer Tag neigt sich langsam dem Ende. Für mich ist es „nur“ ein Tagesausflug in eine andere Welt, für Elli seit fast sieben Jahren Alltag. Mit schönen Momenten, wenn Kinder etwas Großartiges geschafft haben oder es ein gemeinsames Erlebnis mehr gibt, über das sich die Gruppe freuen kann. Aber auch mit traurigen, an denen dunkle Wolken über das Gemüt ziehen und dann einfach kleben bleiben. Wieviel wohl von einem selbst übrig bleibt, wenn man an sich selbst zuletzt denkt? Wie und wo schaltet man ab, verarbeitet den Tag?

In ihrer Freizeit fährt sie gern Fahrrad oder geht in den Wald, hat Elli mir verraten. Und nach einer Zwangspause wegen einer Knieverletzung geht sie seit Kurzem wieder zweimal in der Woche tanzen.

Aber reicht das? Muss man sich nicht auch mal richtig ausheulen, wenn ein Scheiß-Tag hinter einem liegt? Wer ist dann da? Hört zu, um zuzuhören, einfach zuzuhören?

Ohne nur darauf zu warten, einen „klugen“ Kommentar abzugeben. „Ich habe auf Arbeit keine Zeit für persönliche Befindlichkeiten. Ich bin ja jetzt gerade nicht so hilfebedürftig wie die, für die ich arbeite“, erklärt sie mir, als ich sie vorsichtig darauf anspreche. Und was ist, wenn es mal einen Todesfall gibt? Schließlich gibt es Syndrome, mit denen man nicht alt wird. „Es ist schwer, gehört aber leider dazu. Das Problem ist eher, dass das Thema weggeschoben wird, wenn niemand weiß, wie man damit umgehen soll. Aber man muss auch mal heulen und sagen dürfen, dass es gerade nicht schön ist und man es nicht mehr aushält und auch nicht mehr will. Denn auch wir brauchen jemanden, der einfach nur da ist und uns zuhört. Freunde, Familie – jemand der mit der Emotionalität umgehen kann. Oder meinetwegen Seelsorger. Die wir aber nicht haben. Und oft leider auch keine Zeit dafür.“

„Zeit hat man nicht, Zeit muss man sich nehmen“ zitiere ich mich in Gedanken selbst. Und stimme Ellis Aussage damit vollkommen zu. Möglichst effizient soll alles sein, reibungslos ablaufen. Aber wir sind keine Maschinen, sondern Menschen. Wir leben – bis auf wenige Ausnahmen – gern in Gesellschaft. Weil uns erst der Umgang mit anderen Menschen zum Menschen werden lässt. Dafür braucht man Zeit, die man sich nehmen muss. Mal auf die Bremse treten, sich selbst ein Stück zurücknehmen, Prioritäten setzen. Und nicht immer wieder neue Ausreden finden, warum es gerade unpassend ist. Jedem wird man es damit nicht recht machen. Aber so what? Inklusion, dieses große gesellschaftliche Ziel, erreichen wir nur, wenn wir zusammenarbeiten. Zu tun gibt es mehr als genug. Wo wir anfangen sollten, wissen Menschen wie Elli und ihre Kolleginnen und Kollegen am besten. Denn sie stehen jeden Morgen dafür auf, nicht nur von gleichberechtigter Teilhabe zu reden, sondern sie möglich zu machen.

„Wenn du drei Dinge deiner Arbeit sofort ändern könntest“, frage ich sie, „welche wären das?“ Lange überlegen muss sie nicht, aber das habe ich auch nicht erwartet. Wer einen so klaren Kopf hat, kennt die drängendsten Missstände: „Das Qualitätsmanagement würde ich etwas reduzieren. Darf es auch utopisch sein?“ Wir haben hier coole Kinder und Erwachsene. Die haben es auch faustdick hinter den Ohren.

„Absolut, ja!“ „Dass wir Menschen andere Menschen wieder als Menschen sehen und sie wichtig nehmen. Und es irgendwann mehr Menschen gibt, die für Berufe in der Pflegebranche aufgehen, weil sie gern Zeit mit Menschen verbringen. Drittens, dass jeder die Hilfe bekommen kann, die er möchte. Zum Beispiel, weil er gern in ein Wohnheim will, weil es cool ist. Und das dann ohne dieses Pamphlet an Unterlagen, Formblättern, Anträgen und Entwicklungsberichten geht und bezahlt wird. Anders formuliert: Dass jeder das Recht hat so zu sein, wie er ist.“

Dieses Recht, liebe Elli, gilt auch für dich. Für deine Kolleginnen und Kollegen, Auszubildenden, Hilfskräfte, Unterstützer. Das Recht, euch dieses Recht zu nehmen, hat niemand. Auch nicht die Person, die in diesem Moment eine wahrscheinlich grüne Taste drückt und damit eine Verbindung zum ABD Freital herstellt. Das kleine schwarze Klapphandy, das wie aus einer anderen Zeit wirkt, klingelt. Dem Diensthandy ist es egal, wie spät es ist. Und auch Elli guckt nicht auf die Uhr. Stattdessen schenkt sie mir einen entschuldigenden Blick, nimmt das Telefon und geht in Richtung ihres Büros. Sie telefoniert. Mal wieder.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

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