Früher haben Entscheider zugehört. Heute entscheiden sie nur noch.

Konrad Kliemank

Heilerziehungspfleger in der
Wohnstätte "Haus Gottleubatal" in Pirna
im Gespräch mit Michael Weißflog

Irgendwo muss dieser Zettel doch sein! Ein Blatt Papier, das ich einigermaßen ordentlich gefaltet habe. Sogar zweifach, damit es nicht direkt zerknittert. Dass ich es in diesem Moment nicht finden kann, macht mich leicht nervös. Kein Grund, in Panik auszubrechen, aber ein Spickzettel, den man nicht findet, nützt herzlich wenig. Vergessen habe ich ihn nicht. Das hoffe ich zumindest. Irgendwo muss er ja sein. Also suche ich. Im Rucksack finde ich alles Mögliche: USB-Sticks, Kopfhörer, Taschentücher, Kugelschreiber, Papier. Das Blatt, das ich suche, ist nicht dabei. Mist. Möglicherweise steckt er in einer meiner Hosentaschen, auch wenn das ziemlich unwahrscheinlich ist. Immerhin habe ich mir über die Jahre aufgrund meiner ständigen Suche nach Dingen eine feste Ordnung antrainiert. Quasi ein Hosentaschen-Einrichtungssystem, an dem alles seinen festen Platz hat. Was ich finde, war zu erwarten: Schlüssel, Handy und eine Schachtel Zigaretten – aber eben keinen Zettel. Letzte Chance: meine Jacke. Vielleicht ist er ja hier. Wenn nicht, stehe ich auf dem Schlauch, vor allem aber blöd da. Die Suche geht weiter. Portemonnaie, Mütze, Zettel. Der Zettel! Versteckt in einer Jackentasche. Nicht mehr ganz ansehnlich, aber das sind ausgedruckte Excel-Tabellen sowieso nie. Letztlich ist es auch nicht mehr als eine Art Kalender, in dem Namen, Orte und Zeiten stehen. Aber ich brauche ihn. Denn hier steht, wann ich wo sein muss und mit wem ich sprechen werde. Wobei sich das ‚mit wem‘ darauf beschränkt, wie dieser Mensch heißt und welchen Job er oder sie bei der Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital hat. Alles andere bleibt Teil einer Überraschung. Für mich ebenso, wie für meinen Gesprächspartner. Klingt ein bisschen nach Blind-Date und fühlt sich auch so an. Aber da muss ich jetzt durch. Genauso wie Konrad Kliemank, mit dem ich jetzt verabredet bin. Zumindest steht das so auf dem Zettel, den ich händeringend gesucht und zum Glück gefunden habe. Bevor es los geht, ein letzter Check, ob ich alles habe. Notizbuch, Stift, Telefon – alles da. Von einem Fragenkatalog mal abgesehen. Den habe ich nicht, den brauche ich nicht. Denn was mich hier her, in seine Welt, geführt hat, ist keine Dienstanweisung. Sondern vor allem Neugier und echtes Interesse.

Seine Welt befindet sich im Haus Gottleubatal. Einem relativ großen, aber unauffälligen Gebäude an einer Kreuzung im Pirnaer Stadtteil Neundorf. Auf dem Weg nach drinnen habe ich nichts von dem Trubel gemerkt, der hier herrscht. Dass es ihn hier gibt, überrascht mich.

Aber viel mehr noch, dass mich diese Erkenntnis überrascht. Denn schließlich steht nirgendwo geschrieben, dass es in einer Wohnstätte erdrückend still zu sein hat. Ist es auch nicht, denn aus einem Zimmer, dessen Tür offen steht, quäkt ein Fernseher. 

Ziemlich laut, denke ich mir und versuche, zumindest das Scheppern der übersteuerten Boxen zu überhören. In meiner Wohnung wäre eine solche Lautstärke undenkbar. Meine Nachbarn würden auf die Barrikaden gehen; gegen Wände, Decken und Türen hämmern und irgendwas von ‚Ruhestörung‘ und ‚das ist doch nicht normal!‘ brüllen. Aber hier stört sich augenscheinlich niemand daran. Zwangsläufig überlege ich, ob das einer dieser Unterschiede ist, die man in den Lebenswelten zwischen Menschen mit Behinderung und denen ohne immer wieder sucht. Ja, wahrscheinlich, beantworte ich mir die Frage selbst. Aber kann man an Unterschieden festmachen, ob die eine oder die andere besser oder schlechter ist? Oder welche normal und welche nicht normal ist? Letztlich ist es doch subjektives Empfinden, was gut und was normal ist. Hier und jetzt bin ich derjenige, der von der Norm abweicht.

Schon beim reinkommen habe ich bemerkt, dass ich die Blicke auf mich ziehe. Weil ich in gewisser Weise ein Fremder bin, der gewohnte Abläufe durcheinander bringt.

Ich stehe mit Konrad an der Rückseite des großen, ausladenden dunkelbraunen Sofas. Er sitzt zur Hälfte auf der Rückenlehne, lässt sein linkes Bein baumeln. Seine Statur ist trotzdem noch beeindruckend. Durchtrainierte Oberarme, breites Kreuz, kurze Haare, Dreitagebart. Aber er hat immer ein Lächeln im Gesicht. Das im Übrigen grundsätzlich von Lebensfreude gezeichnet wirkt. So schnell scheint ihn nichts aus der Ruhe, erst recht nicht auf die Palme zu bringen. Er strahlt eine Ruhe und Fröhlichkeit aus, die ansteckt. „Grenze erreicht, steht auf deinem T-Shirt,“ beginne ich meine Frage einzuleiten, „ist das auch ein Statement?“ Seine Mundwinkel gehen nach oben, bevor er antwortet: „Ich mache zum Ausgleich Sport, unter anderem auch Triathlon. Das verlangt einem schon viel ab, deswegen steht das da auch drauf. Wie man das interpretiert, wenn man es liest, überlasse ich jedem selbst.“ Ohne weiter nachzubohren, verstehe ich das als Ja. Ich lese darin einerseits den sichtbaren Stolz, nach 700 Meter Schwimmen, 72 Kilometer Radfahren und anschließend noch 5 Kilometer Laufen in weniger als drei Stunden ins Ziel gekommen zu sein. Andererseits lese ich darin auch einen Hilferuf, der nur im Kontext unseres aktuellen Gesprächsortes und seines Jobs entsteht.

Und der sagt deutlich und unmissverständlich: ‚Wir sind am Limit!‘ Denn als Heilerziehungspfleger bei der Lebenshilfe ist der Pflegenotstand für Konrad nicht nur ein Schlagwort, sondern Realität. Wir sind am Limit.

In unserer Nähe steht ein Mann mit kurzen Haaren, ich schätze sein Alter auf Mitte 40. Er trägt einen nicht mehr ganz in die Zeit passenden Pullover, eine blaue Jeans und dunkle Schuhe. Er steht Konrad im Rücken, mir gegenüber und mustert mich kurz. „Wer is’n das?“ fragt er unvermittelt. Konrad lächelt wieder, scheint an der Stimme zu erkennen, wer hinter ihm steht. Es ist Peter*. Konrad dreht sich um und erklärt, warum ich heute da bin und warum er mit mir spricht. Für den Moment scheint das als Antwort zu genügen, denn er dreht sich um und verschwindet wieder in seinem Zimmer. „Das war ja einfach,“ rutscht mir meine Verwunderung über die Lippen. „Sind eure Bewohner immer so verständnisvoll?“ „Wenn jemand Fremdes da ist, spielt von den Klienten hier keiner wilde Sau“ antwortet er mir nach kurzem Zögern.

Überall dasselbe, denke ich mir. Wenn man nur Zeit für einen oberflächlichen Blick hat, scheint die Welt in Ordnung zu sein. Egal, wohin man schaut.

„Das heißt, sonst ist hier mehr los?“ bohre ich nach. „Ja, wobei es bei uns im Wohnheim geht. Ich bin jetzt seit 10 Jahren hier und wir kennen uns alle. Wenn ich dann sage ‚Der Papi hat gesagt, du sollst deine dreckige Hose wechseln, dann sagt der fast 60-jährige auch ‚Ja, mache ich.‘ Theoretisch sind wir hier sogar mit einer Viertel Stelle überbesetzt. Aber der Personalschlüssel stimmt nicht,“ erklärt Konrad. „Einer meiner Kollegen, der mit mir gelernt hat, ist nach der Ausbildung nach Baden-Württemberg gegangen und arbeitet jetzt da. Von ihm weiß ich, dass er in seiner Gruppe drei Menschen betreut. Bei mir sind es neun,“ fügt er an.

Das bringt mich ins Grübeln. Wieso gibt es so krasse Unterschiede? Wurde die Pflegebranche mit Sparmaßnahmen genauso an den Rand des Zusammenbruchs gebracht, wie zum Beispiel die Polizei? Haben die Entscheider damals wahllos den Rotstift angesetzt, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tun?

Ich frage ihn, woran das liegt. „Ich glaube, das liegt nicht nur am Geld. Sondern auch an der Zeit, die sich diejenigen für uns nehmen. Und das ist wenig, sehr wenig. Aber sie müssten eben nicht mal nur fünf Minuten reinschauen und dann wieder gehen. Sondern wirklich mal eine Woche mitarbeiten. Ich glaube, dann würden sie ganz andere Beschlüsse fassen und Leistungen nicht immer weiter kürzen.“

Peter ist wieder da. „Macht’n ihr hier?“ fragt er neugierig. Wieder dreht sich Konrad um, um ihm zu antworten. Dann wirft er einen Blick auf seine Uhr. „Du musst dich aber jetzt umziehen, die anderen wollen dann gleich los. Nicht dass du das verpasst!“ erinnert er Peter an den Tagesablauf. Seine Stimme ist dabei gleichzeitig sanftmütig, aber auch bestimmt. So dreht sich Peter wieder um und verschwindet abermals in seinem Zimmer. Diesmal verkneife ich mir meinen Kommentar, wie eingespielt hier alles klappt. Stattdessen frage ich Konrad, ob es nur die politischen Rahmenbedingungen sind, die angepasst werden müssten, oder ob der Schuh auch noch an anderer Stelle drückt. Das viel größere Problem, sagt er, sei die Ermittlung der Leistungen für die Betroffenen. „Früher kamen die Leute noch her, wenn ein Hilfeplan ausgehandelt wurde. Wenn es also darum ging, in welche Hilfebedarfsgruppe ein Betroffener eingestuft wird. Das waren dann zwei bis drei Stunden, in denen der Klient auch mit dabei war. Da konnte man schon gut erkennen, wie dieser Mensch ist. Ob er zum Beispiel aufbrausend ist und man deswegen mehr Zeit braucht, um auf ihn einzugehen.“ Dass Zeit und Geld heutzutage Synonyme zu sein scheinen, ist für Menschen wie Konrad keine Herausforderung, sondern ein ernsthaftes Problem. Natürlich muss alles irgendwie finanziert werden, aber ihm und seinen Kollegen geht es in erster Linie um die Menschen, die betreut werden müssen. „Wir haben zum Beispiel in unserer Einrichtung eine Bewohnerin“, erklärt er, „die hier eigentlich falsch ist. Denn sie hat nur eine Lernbehinderung, könnte also in einer sozialtherapeutischen Einrichtung sein. Die sind jedoch sehr viel teurer. Und da ein Arzt bei ihr eine leichte geistige Behinderung diagnostiziert hat, konnte sie auch hier einziehen.“ Aus meiner Sicht klingt das soweit recht unspektakulär. Denn mit einer Behinderung ist man in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung gut aufgehoben, denke ich mir. Konrad fährt fort: „Mit der Folge, dass sie hier die Oberhand hat, alle ausnutzen und für ihre Zwecke anstellen kann.“ Für wen von den Beteiligten das das größere Problem sei, frage ich nach. „Für uns alle gleichermaßen, auch für sie. Denn sie wird hier nicht gefördert. Sie ist allen überlegen und wir müssen ständig mit ihr diskutieren. Um alles. Das ist sehr anstrengend und hindert uns in gewisser Weise auch am Arbeiten.“ Wenn es in der Diskussion über die Pflegebranche um mehr Geld geht, heißt das gar nicht zwingend, dass das Personal einen höheren Stundenlohn haben will.

In meinem Kopf schließt sich damit der Kreis. Denn wenn das Personal viel Zeit darauf verwenden muss, jemanden quasi einzubremsen, dann fehlt diese Zeit für alle Anderen. Meine Gedanken beginnen, Achterbahn zu fahren. Wenn es in der Diskussion über die Pflegebranche um mehr Geld geht, heißt das gar nicht zwingend, dass das Personal einen höheren Stundenlohn haben will. Sondern, dass die für die von ihnen betreuten Menschen erforderlichen Leistungen bezahlt werden. Für einen Moment verliere ich mich in einem Gedankenspiel. Wenn jeder Mensch die Zuwendung bekommt, die er braucht, muss sich Konrad auch die Zeit dafür nehmen können. Aktuell kümmert er sich um neun Klienten gleichzeitig. Das ist, wie er sagt, zu viel. Da die Menschen nun aber da sind, braucht es mehr Personal. Das kommt aber nicht, weil jeder weiß, dass das System aktuell so aufgebaut ist, dass man unter Dauerstress steht. Irgendwie beißt sich die Katze an dieser Stelle in den Schwanz. Erst, wenn mehr Personal da wäre, könnte man den Personalschlüssel anpassen. Aber erst, wenn der Personalschlüssel angepasst ist, werden mehr Menschen den Weg in die Pflegebranche finden. Es ist zum Verrücktwerden! Wie kommt man denn aus dieser Nummer wieder raus?

„Ich sehe hier tatsächlich recht wenige Mitarbeiter. Habt ihr denn gar keine Praktikanten, Bufdis oder FSJ’ler?“ „Es gab Zeiten, da wussten wir fast nicht mehr, wie wir Praktikanten beschäftigen sollen. Aber es gab auch schon Zeiten, in denen wir gar niemanden hatten. So wie jetzt,“ lautet seine knappe Antwort.

Konrad dreht sich um, sieht Peter, der umgezogen aus seinem Zimmer kommt. „Gut Peter, dann kannst du runter gehen. Die anderen warten schon. Ich komme dann auch gleich,“ ruft er ihm zu. Nachdem er sich wieder mir zugewendet hat, vervollständigt er seinen Gedanken: „Uns würde es aber auch nicht helfen, wenn ständig neue Leute als Pfleger und dann nur für kurze Zeit hierherkommen. Denn hier wohnen ja Menschen mit geistiger Behinderung, die sich lange Zeit an die Atmosphäre hier gewöhnt haben. Wenn wir hier immer wieder Neues einführen und alles auf den Kopf stellen, dann machen sie nicht mit. Dann schlafen sie nachts nicht mehr, gehen durch die Zimmer, setzen sich aufs Sofa und sagen, dass sie nicht schlafen wollen oder machen anderes Halligalli.“ Mir ist es mittlerweile peinlich, dass ich all das beinahe in Abrede gestellt habe, als ich am Haus Gottleubatal vorbei ging. „Tagsüber habt ihr ja ein klares Programm, wie ich erkennen kann. Wie ist es denn nachts hier? Sind das die ruhigeren Schichten?“ möchte ich von Konrad wissen. Er verzieht die Augenbrauen, das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht.

Oh Gott, was habe ich denn jetzt gefragt? überlege ich hastig. Ich wollte wissen, ob es in der Nachtschicht ruhiger ist als tagsüber. Immerhin schlafen die Bewohner ja dann. Hätte ich das lieber nicht fragen sollen?

Konrad atmet durch, dann antwortet er. „Nachts ist alles anders. Vielleicht weniger Trubel, aber nicht weniger anstrengend. Die meisten schlafen zwar nachts, aber die Notfallklingel geht trotz immer mal wieder. Da muss man dann hin, gucken, was los ist. Und es ist gar nicht mal so selten, dass dann jemand mit einer Erektion geklingelt hat. Das klingt vielleicht lustig, ist es aber spätestens nach dem dritten Mal nicht mehr.“ Nein, denke ich mir, das ist nicht lustig. Schon beim ersten Mal nicht. Damit hat er einen Umstand angesprochen, der sonst unter den Tisch gekehrt wird. Ich zumindest habe in der Öffentlichkeit noch kein Sterbenswörtchen darüber gehört, dass auch Menschen mit Behinderung das Recht auf Sexualität haben. Es scheint ein hartnäckiges Tabu zu sein, über das man bitte bitte nicht spricht.

Und auch hier erkenne ich die Probleme, mit denen sich Konrad und seine Kollegen auseinandersetzen müssen. Für mich ist es auf einen Schlag undenkbar, dass ein Betreuer allein eine Nachtschicht übernimmt. Erst recht nicht eine Frau – was ich keinesfalls abwertend meine.

Aber was wäre, wenn ein erwachsener Mann, der in seinem Inneren ein Kind ist, mit dieser Situation nicht klar käme? Davon, unseren Trieben und Gelüsten wahllos nachzugehen, hält uns doch in erster Linie die Moral ab. Aber ab welchem kognitiven Alter entwickelt man ein Gespür dafür? Könnte man einen Menschen für eindeutig sexuelle Gesten oder Aussagen verurteilen, wenn er sich der Tragweite dessen gar nicht bewusst ist? Und was wäre, wenn es nicht bei Worten und Gesten bliebe? Würde dann ein Aufschrei durchs Land gehen, wie es denn überhaupt dazu kommen konnte? Würde man dann schärfere Sicherheitsmaßnahmen verlangen oder ernsthaft darüber nachdenken, dass man es mit mehr Personal hätte verhindern können?

Vielleicht sind wir als Gesellschaft noch nicht so weit, um uns über die Sexualität von Menschen mit Behinderung Gedanken zu machen. In Konrads Sinne und dem seiner Kollegen sollten wir das Thema aber nicht auf die lange Bank schieben.

Apropos: Konrad muss jetzt los. Peter und die anderen warten unten. Ich werde mit nach unten gehen, muss nur noch schnell alles einpacken. Telefon, Stift und Notizbuch habe ich. Vorsichtshalber werfe ich noch einen Blick hinein: Der Zettel ist drin.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

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