Wir sind Scharfrichter. Weil Jugendliche vor Gewalt und Terror fliehen müssen.

Marcus Göhler

Einrichtungsleiter des
Integrativen Kinder- und Jugendhauses
"Lindenhof Rathen" im Kurort Rathen
im Gespräch mit Bernhard Kelz

Es grenzt an ein Wunder, dass ich diese Fahrt unfallfrei überstanden habe. Meinetwegen liegt es auch an ausreichend Fahrpraxis. An jahrelang antrainierten Automatismen. Wie auch immer: Hinter mir liegen 45 Kilometer, an die ich nicht die leiseste Erinnerung habe. Rote Ampeln, Stopp-Schilder, Geschwindigkeitsbegrenzungen – an nichts davon kann ich mich erinnern. Eine Dreiviertel Stunde Blindflug in einem Zustand, in dem mir eigentlich jemand den Autoschlüssel hätte abnehmen müssen. Zum Glück hat es niemand getan. Denn ich wollte weg. Nein, falsch, ich musste weg! Raus aus dieser unerträglichen Situation. Den Kopf frei bekommen. Zeit zum Nachdenken haben. Mit Tränen in den Augen bin ich ins Auto gestiegen. Ich bin nicht gefahren, sondern geflohen. Vor Angst und Schrecken, vor Gewalt und Terror, vor Menschenhandel und Prostitution. Vor allem aber vor den Bildern in meinem Kopf. Ich habe versucht, der bitteren Wahrheit zu entkommen. Doch sie hat mich begleitet. Genauso wie Wut, Verzweiflung und Enttäuschung. Ich bin heilfroh, in Sicherheit zu sein. Ich bin nicht gefahren, sondern geflohen.

Rathen, vor knapp zwei Stunden. Ich bin auf dem Weg zum Integrativen Kinder- und Jugendhaus „Lindenhof Rathen“. Ich bin kurz vorm Ziel und hier ist, unter uns gesagt, nichts los. Von den wenigen Touristen um diese Jahreszeit mal abgesehen. Nicht, dass mich das wundert, immerhin ist es ein ganz normaler Montagmorgen gegen Jahresende. Um außerhalb der Saison bei diesem Wetter Wandern zu gehen, muss man solche Ausflüge schon sehr mögen. Warm ist es nicht mehr, auch wenn die Sonne scheint. Aber hier wirkt es schon fast ein wenig zu idyllisch. Rausgeputzte Häuschen, die ruhig vor sich hinfließende Elbe, rundum viel Grün. Eine lautlos von einem Ufer zum anderen fahrende Fähre, eine schmale Hauptstraße, immer mal wieder ein Zug. Dieser Landstrich mag wirtschaftlich nicht der stärkste sein, aber hier herrschen Ruhe und Ordnung. Ist ja auch etwas wert. Laut letzter Erhebung wohnen weniger als 400 Menschen hier, was ich nicht recht nachvollziehen kann. Jeder, der vom beschaulichen Landleben in relativer Nähe einer Großstadt träumt, wäre hier gut aufgehoben. Jedes Mal, wenn ich in Rathen bin, hänge ich in Gedanken ein Schild mit der Aufschrift ‚Home of the Work-Life-Balance‘ am Ortseingang auf. Doch ich bin heute nicht in der Sächsischen Schweiz, um mich auszuruhen und die Seele baumeln zu lassen. Auch wenn ich gerade merke, dass dieser Ort eben jenes Verlangen wieder in mir weckt. Später vielleicht, jetzt nicht. Heute bin ich hier, weil ich mit dem Einrichtungsleiter des Lindenhofs ein Treffen vereinbart habe. Laut Navi müsste ich so gut wie da sein.

Dann sehe ich es: Ein wunderschön restauriertes Fachwerkhaus. Gesehen habe ich es schon oft, bin gefühlt einhundert Mal daran vorbeigelaufen. Dass es eine Einrichtung der Lebenshilfe ist, hätte ich nicht vermutet. Es bildet eine Seite eines – wie ich vermute – ehemaligen Dreiseithofes; genauer gesagt die zur Elbe hin gewandte. Auf der gegenüberliegenden Seite scheint eine Pizzeria Einzug gefunden zu haben, das zumindest entnehme ich dem Namen und den Auszügen aus der Speisekarte, die mit Kreide auf Tafeln an der Wand geschrieben wurden. Um die hier herrschende Ordnung nicht zu stören, fahre ich mit meinem Auto an den Gebäuden vorbei und biege vor dem Bahnübergang nach rechts ab. Hier hinten scheint es einen Parkplatz zu geben; wenn nicht, fahre ich zurück zum großen in der Nähe der Fähre. Doch ich habe Glück, kann mir einen Platz aussuchen und mache mich zu Fuß die vielleicht einhundert Meter zurück zum Lindenhof. Am Straßenrand fällt mir eine Sitzbank auf, die zu einem Imbiss zu gehören scheint. Sowohl Rückenlehne als auch Sitzfläche bestehen aus drei dicken, quer verlegten Brettern. So, wie das bei einer Sitzbank üblich ist. Unüblich – und im Handel so sicher nicht zu haben – ist die Lackierung. Die oberste Latte ist schwarz, die mittlere rot, die unterste gelb gestrichen. Natürlich weist die Sitzfläche dieselbe Farbgebung auf. Dermaßen irritiert betrachte ich die Speisekarte, die in Sichthöhe neben der Bank hängt. Es gibt Schnitzel, Bockwurst und Würzfleisch. Sogar Pommes. Dazu Bier, Kaffee oder Limo. Ich lese: Hier ist Deutschland. Und zwar nur Deutschland. Da ich aber weder Hunger noch Durst habe, gehe ich vorbei. Zurück zum Lindenhof.

Bodrum, vor ein paar Jahren. In der Nacht ist ein paar Kilometer vor der Küste in rauer See ein Boot gekentert. Unter den Menschen, die an Bord waren, befanden sich auch Kinder. Eines von ihnen, einen dreijährigen Jungen, fand man am Morgen am Strand der türkischen Stadt. Er lag auf dem Bauch, seine Arme hingen schlaff am Körper entlang, seine Handflächen zeigten nach oben. Sein Kopf war leicht nach links gedreht, seine Stirn lag auf dem Sand. Seine Haare waren nass, weil Wellen immer wieder Wasser über seinen kleinen Kopf spülten. Auch sein rotes T-Shirt, seine kurze blaue Hose und seine braunen Schuhe waren nass. Aylan war mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Sie wollten nach Europa. Jetzt lag er tot am Strand. Das Foto seines leblosen Körpers ging um die Welt. Es wurde zum Sinnbild einer Tragödie. Es wurde Teil des kollektiven Gedächtnisses. Und es brannte sich unauslöschlich in mein Hirn.

Rathen, vor knapp zwei Stunden. Innerhalb der letzten vier Jahre gab es hier sechs Einrichtungsleiter. Zwischendrin sogar Zeiten, in denen dieser Posten unbesetzt blieb. Nun liegt es an Marcus Göhler, das Integrative Kinder- und Jugendhaus zu führen. Wie eine solche Einrichtung von innen aussieht, konnte ich mir bis gerade eben nur vorstellen. Warum auch immer, aber vor meinem geistigen Auge glich es einer Mischung aus Kindergarten und Schullandheim. Wo Kinder sind, ist Leben. Lachen, Trubel, Toben. Und immer wieder die ermahnende Stimme eines Erziehers, doch nicht ganz so wild zu machen. Ein gut gemeinter Ratschlag, der das Spielen nur soweit eingrenzen soll, dass sich niemand ernsthaft verletzt. Doch all das fehlt hier. Draußen herrscht Idylle, drinnen Ruhe. Aus meiner Verwunderung werde ich von Marcus Göhler erlöst. Er begrüßt mich, wir stellen einander vor; immerhin ist es unser erstes Aufeinandertreffen. Wir scheinen in etwa im selben Alter zu sein, einigen uns aufs Du. Marcus also. Er wirkt angenehm ruhig und gelassen. Trägt seine Haare zum Zopf gebunden, eine ebenso modische wie unspektakuläre Brille, Ehering. Ein Mensch, mit dem man sich gern umgibt. Mit einer sehr wohlgefälligen Stimme, die hin und wieder einen erzgebirgischen Dialekt durchscheinen lässt. Ein Kumpeltyp, dessen Ruhe abfärbt. So sehr, dass man merkt, wie der eigene Puls sinkt. Er ist einer dieser Menschen, die Kindern in einem herrlich unaufgeregten Ton klar machen können, wer Bestimmer ist. Ohne, dass darüber noch diskutiert werden muss. Er schlägt vor, in der Fahrradwerkstatt zu reden. Er ist der Hausherr; ich stimme zu.

Osteuropa, vor einigen Jahren. Ein Kamerateam von Spiegel TV begleitet einen Flüchtlingstreck auf dem Weg von Griechenland durch Osteuropa bis nach Deutschland. Immer wieder sind Checkpoints zu sehen, an denen sich Flüchtende registrieren lassen müssen. Sie stehen am Hafen, werden mit Bussen zum nächsten Checkpoint gebracht, werden weiter geschickt. Willkommen scheinen sie nirgends zu sein. In sengender Hitze stehen hunderte Menschen in einer Schlange, um sich abermals registrieren zu lassen. Das Kamerateam pickt sich einen Wartenden heraus, um ihn kurz zu interviewen. Er trägt ein Trikot vom FC Barcelona, scheint sonst keine weiteren Habseligkeiten dabei zu haben. Wie alt er sei und woher er komme, fragt ihn das Kamerateam. 14, aus Syrien, antwortet er. Auf die Frage hin, wo seine Familie sei, steigen ihm Tränen in die Augen. Seine Mutter und sein Vater seien tot, sagt er. Von allen anderen habe er seit seiner Flucht nichts mehr gehört. Die Off-Sprecherin der Sendung erklärt, dass es sich bei dem Jungen um einen UMA handelt – einen Unbegleiteten Minderjährigen Asylsuchenden.

Rathen, zehn Minuten nach meiner Ankunft. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich mich in einem Schuppen von jemandem wähnen, der dringend Hilfe beim Aufräumen braucht. Ich erkenne zahllose Kisten, Schrauben, Werkzeuge und Fahrradteile. Grob geschätzt sind es fünf oder sechs Fahrräder, die hier stehen. Oder eher in Einzelteilen liegen. Es sind überwiegend Teile, die gespendet wurden. Statt sie auf den Schrott oder in den Müll zu werfen, bringen sie Menschen hier her, erklärt Marcus. Das spart Geld, denn das ist knapp. Doch so chaotisch es auch wirkt: Ich fühle mich ganz wohl hier. Ordnung mag das halbe Leben sein, aber ich bevorzuge diese Hälfte. Und solange Marcus und seine Jugendlichen hier finden, was sie brauchen, ist das mehr als in Ordnung. Ein Kollege hat diese Werkstatt aufgebaut, erzählt Marcus. Viele Teile der Einrichtung hat er von Flohmärkten und aus einer aufgelösten Fahrradwerkstatt besorgt, zeigt er fast schon entschuldigend auf einzelne Einrichtungsgegenstände. Ich habe damit kein Problem, bin nicht hier, um mir darüber ein Urteil zu erlauben. Viel spannender ist für mich die Frage, warum hier ausgerechnet an Fahrrädern geschraubt wird. Es könnte ein Service für Touristen sein, vermute ich. Immerhin führt der Elberadweg auch durch Rathen. Doch der Grund ist sehr viel ernüchternder: Es ist eine einigermaßen sinnvolle Beschäftigung für die hier untergebrachten Jugendlichen. Reifen flicken, Ketten spannen, Bremsen einstellen – sehr viel mehr ist nicht zu tun. Hier geht es nicht darum, möglichst schnell einen Kundenauftrag zu bearbeiten oder Wissen zu vermitteln. Sondern darum, eine Verbindung zueinander aufzubauen, ins Gespräch zu kommen.

Aktuell wohnen im Kinder- und Jugendhaus drei Jugendliche. Zwanzig könnten es maximal sein, erklärt mir Marcus. Die Zimmer sind vorgerichtet und vorbereitet, aber bis auf drei sind sie unbewohnt. Der große Ansturm, den man 2015 erwartet hatte, ist ausgeblieben. Dennoch waren die Mitarbeiter auch hier in gewisser Weise unvorbereitet. Der Freistaat Sachsen war sich sicher, dass es keine Fachkräfte für die Betreuung von UMAs braucht, sondern eine Hilfskraft reicht, um im Zweifelsfall 33 jugendliche Flüchtlinge zu betreuen. Während der Schlüssel normalerweise bei eins zu zehn liegt. Zudem gab es Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, vor allem aber Ungewissheit. Und die ist bis heute geblieben. „Wo geht es hin? Was will das Jugendamt von uns?“ sind zwei der vielen Fragen, die Marcus exemplarisch mir stellt, auf die er aber jeden Tag Antworten sucht. Denn er selbst muss sie geben. Seinen Mitarbeitern ebenso, wie den Jugendlichen. In der Jugendarbeit ist Beständigkeit ein hohes Gut. Doch die will und will nicht einkehren. In kurzem zeitlichen Abstand, manchmal innerhalb von 14 Tagen, landen neue Anweisungen auf seinem Schreibtisch. Das zwingt Marcus dazu, seine Mitarbeiter regelmäßig zusammen zu rufen und ihnen die Änderungen mitzuteilen. Änderungen, die er manchmal selbst nicht versteht. „Ab sofort müssen wir das so und so machen“ sind dann Sätze, die er sagen muss. Die Wahrscheinlichkeit, dass er in wenigen Tagen wieder vor ihnen steht und zurückrudern muss, ist hoch.

Vielleicht ist es ganz gut, dass sich die politische Planlosigkeit hier auf nur drei Jugendliche auswirkt. Aber selbst diese drei sind zu viel. Haben wir denn immer noch keine Idee, wie wir mit Kindern und Jugendlichen umgehen, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind? Dürfen wir uns ernsthaft wundern, wenn sich der eine oder andere von ihnen irgendwann der Fürsorge entzieht? Wenn er ‚abgängig‘ ist, wie es im Amtsdeutschen heißt. Wie sollen Marcus und seine Kolleginnen und Kollegen eine Konstante in das Leben der Menschen bringen, wenn es sie für sie selbst nicht gibt?

Ungewissheit gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen ertragen müssen. Nicht zu wissen, woran man ist, kann einen in den Wahnsinn treiben. Oder aber zur Flucht. Hauptsache, raus aus der Situation.

Berlin, Frühjahr 2019. In ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Partei DIE LINKE zur Situation des Pflegekinderwesens äußert die Bundesregierung die Vermutung, dass ‚die in den letzten Jahren unter enormen Anstrengungen geschaffenen Kapazitäten für die Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten ausländischen Minderjährigen aktuell nicht mehr in dem Maße benötigt zu werden‘ scheinen.

Dass genau diese Ungewissheit den Großteil seiner Arbeit ausmachen würde, hat er nicht geahnt. Blind gekauft habe er das Haus, wie er es formuliert. Es war ein Deal, der ihm die Möglichkeit bieten sollte, etwas Nachhaltiges aufzubauen. Aber es war auch ein Deal, mit dem er alle Wehwehchen der Einrichtung, vor allem der Politik, übernommen hat. Darüber, dass ihn das manchmal bis an den Rand der Verzweiflung bringt, kann er mit den wenigsten Menschen offen sprechen. Halt findet er bei seiner Frau, aber auch ihr fällt es nicht immer leicht, nur Zuhörer zu sein. Mit anderen in seiner Familie über seinen Job zu sprechen, hat er sich größtenteils abgewöhnt. Nicht, weil es nichts zu erzählen gäbe, sondern weil seine Tätigkeit auf wenig Verständnis stößt. Immer wieder wird er belächelt, soll im Bekanntenkreis seine Hände zeigen.

Als ob Arbeit nur dann etwas wert wäre, wenn die Hände voller Schwielen sind. Im Handwerk mag es vielleicht stimmen, aber ist es in der Arbeit mit Menschen nicht andersrum besser? Wer von den Verspottenden würde sich gern von jemandem waschen lassen, dessen Hände auch als Reibeisen nützlich wären?

Also zieht er sich zurück, schafft so auch räumliche Distanz zu Stammtischparolen über Ausländer. Ihnen entgegenzusetzen hätte er aus seiner Erfahrung heraus viel, aber käme er auf die allgegenwärtige Planlosigkeit zu sprechen, wäre das Wasser auf die Mühlen derer, die der deutschen Asylpolitik auch so schon Versagen attestieren. Dass der überwiegende Teil der in Deutschland und Europa Zuflucht suchenden Menschen aus Angst um Leib und Leben geflohen ist, wird dabei oftmals ignoriert. Doch Vorurteile baut man am schnellsten ab, indem man miteinander spricht. Oder Marcus mal zuhört.

„Die Jungs kommen hierher, um zu arbeiten und Geld nach Hause zu schicken.“ Soweit kenne ich die Story, nichts Neues für mich. „Damit ihre Schwestern sich nicht prostituieren müssen. Und wir verbieten ihnen das.“ Marcus spricht weiter, aber ich kann nicht mehr zuhören. Er klingt weit weg; gedämpft, als hätte jemand Watte in meine Ohren gesteckt. Untersagen wir ihnen den Kontakt in ihre Heimat?

Was hat der da gerade gesagt? Wir verbieten ihnen das? Wie verbieten wir ihnen das? Dürfen sie nicht arbeiten, dürfen sie kein Geld überweisen, untersagen wir ihnen den Kontakt in ihre Heimat? Egal wie: Wer gibt uns das Recht dazu? Vor meinem inneren Auge blitzen Bilder auf. Vom Jungen im Trikot des FC Barcelona. Von Blechhütten, sengender Hitze, rationiertem Wasser. Von im Schlamm spielenden Kindern, von unverputzten Häusern, von muffigen Matratzen. Von Teenagern, die mit dem entschlossenen Blick Hoffnungsloser ihrer Heimat den Rücken kehren, um vom Westen aus zu helfen.

Ich sehe Bilder, die sich während der Flüchtlingskrise in meinen Kopf gebrannt haben. Ich will, dass das aufhört! Ich will, dass es vorbei ist. Ich will nicht, dass mir Marcus das erzählt. Ich will nicht darüber nachdenken, was wir den Jungs antun. Ich will nicht darüber nachdenken, was wir ihren Familien, ihren Schwestern antun. Ich will nicht Teil eines Systems sein, dass sich zum Zuhälter macht, wenn der einzige Grund dafür ist, dass so vor der eigenen Haustür Ruhe und Ordnung herrscht.

Wenn sie es bis nach Deutschland schaffen, landen sie vielleicht irgendwann hier, bei Marcus. In einem idyllischen Landstrich mitten in der Sächsischen Schweiz. In Sicherheit. Und er ist derjenige, der ihnen dann irgendwie klar machen muss, dass es keinen richtigen Plan für sie gibt. Dass der Lindenhof nur ein Zwischenstopp ist, die nächste Etappe auch der Weg zurück sein kann. Marcus muss ihnen sagen, dass sie zwar in einem freien Land angekommen sind, sie aber deswegen noch lange nicht frei sind. Dass sie hier bleiben müssen, sich nicht einfach eine Arbeit suchen können, sondern in die Schule gehen müssen. Marcus ist es, der ihnen erklären muss, dass und warum ihnen einen Großteil des Geldes, das sie mit kleineren Jobs nebenbei verdienen, wieder abgenommen wird. Marcus ist es, der ihnen sagen muss, dass sie ihren Familien nicht helfen können.

Am System selbst kann Marcus nichts ändern. Aber er versucht, bei den Jugendlichen Verständnis zu wecken. Auch wenn er es eine Frechheit findet, dass man ausländische Jugendliche mit 18 abspeist und ihnen sagt, dass sie ab jetzt in einer eigenen Wohnung wohnen können. „Das geht nicht“, sagt er, „wenn die ein, zwei Jahre in Deutschland sind. Für Jugendliche gilt die Jugendhilfe bis zum 21. Lebensjahr. Im Notfall auch länger.“

Berlin, Frühjahr 2019. In ihrer Antwort auf eine kleine Anfrage der Partei DIE LINKE zur Situation des Pflegekinderwesens erörtert die Bundesregierung, dass die Kosten für stationäre Heimerziehung fast fünf Mal so hoch sind, wie bei einer Unterbringung in Pflegefamilien. Gleichzeitig sei die Verweildauer dort fast doppelt so lang, wie in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe.

„Im Durchschnitt zieht ein Deutscher mit 23,5 Jahren Zuhause aus“, erklärt Marcus. Ich war 22, also knapp unter dem Durchschnitt. „Und dann aber aus einer Familie heraus. In der der Onkel noch den Umzug fährt, die Eltern noch einen Fuffi mitgeben. Bei Kindern und Jugendlichen aus der Jugendhilfe, wo zum Teil kein Kontakt zur Familie besteht, heißt es mit 18: ‚Du kannst alleine wohnen!’“ Viel eher aber heißt es ja: ‚Du musst alleine wohnen. Wir als Staat können oder wollen uns nicht mehr um dich kümmern.‘ Ich höre an Marcus‘ Stimme, dass ihn dieser Umstand sehr zu schaffen macht. „Dabei gibt es ganz viele Möglichkeiten, sie danach zu betreuen oder nochmal ein Übergangswohnen zu machen. Das wird aber häufig übersehen.“ Er atmet kurz durch. Die Art und Weise, wie er Luft holt, ist ein untrügliches Zeichen von Ratlosigkeit, die kurz vor der Resignation kommt. „Das ist kostenintensiv. Wir sind ein Metier, das Geld ausgibt, aber nichts erwirtschaftet.“ Wenn sie in einem Haus wie bei uns wohnen, dann bin ich bei ihnen. Für sie da.

Marcus weiß genau, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Und zwar die Hälfte, die Ökonomen sehen. Wohin uns diese Sichtweise gebracht hat, sehen wir an vielen Stellen. Altenpfleger fehlen genauso, wie Hebammen. Krankenschwestern und -pfleger fehlen genauso, wie Sozialarbeiter. Erzieher fehlen genauso, wie Lehrer. Menschen, die für andere Menschen da sind, wurden zu einem Wirtschaftlichkeitsfaktor degradiert. Darüber mögen sich Anleger freuen, aber darunter leiden Menschen. Marcus, seine Kollegen, die Jugendlichen in seiner Einrichtung. Natürlich kostet es Geld, eine Einrichtung wie das Integrative Kinder- und Jugendhaus in Rathen zu unterhalten. So, wie es Geld kostet, ein Krankenhaus zu unterhalten. Oder eine Schule. Oder, oder, oder. Doch die Arbeit, die hier geleistet wird, kann in den wenigsten Fällen, wenn überhaupt, in Geld aufgerechnet werden. „Wenn ich bei einem Jugendlichen bin“, höre ich Marcus sagen, „wenn ich ihm in seiner Pubertät unter seinen Lebensumständen vermitteln kann, dass es nicht notwendig ist, andere klein zu machen, weil er so, wie er ist, wertvoll ist, dann ‚erwirtschaften‘ wir etwas Ideelles. Das mache ich durch Jugendarbeit. Durch Angebote, wie auch immer. Wenn sie in einem Haus wie bei uns wohnen, dann bin ich bei ihnen. Für sie da. Helfe ihnen, ein soziales Netz aufzubauen.“

Drei Jugendliche in einem Ort, in dem es mehr Touristen als Einwohner gibt: Klar, dass sie hier auffallen. Und zwar unabhängig ihrer Nationalität. Mit 18 Jahren müssen die Jugendlichen hier spätestens wieder ausziehen. Bevor sie 14 sind, dürfen sie gar nicht erst einziehen. „Das ist unser aktuell enger Rahmen, den ich gern noch erweitern möchte“, erklärt Marcus. Denn nur so könne es auch Integration geben. Kinder und Jugendliche, die unter ihrer aktuellen familiären Situation leiden, gibt es genug. Und jeder einzelne von ihnen ist einer zu viel. Doch Marcus und seine Kollegen sind für sie da. Haben nicht nur ein Dach über dem Kopf zu bieten, sondern vor allem pädagogisches Know-how. Leider wissen sie auch, was es heißt, nicht zu wissen, was der morgige Tag bringt. Aber davon lassen sie sich nicht entmutigen. Hören sich weiter tapfer die Geschichten von häuslicher Gewalt, Vernachlässigung, Krieg und Zerstörung oder tagelangen Fußmärschen an. Wenn sie gemeinsam an Fahrrädern schrauben, die am Ende vielleicht niemand haben will. Aber jeder einzelne hier ist wertvoll. So, wie er ist. Zu hören, dass Marcus hier an vorderster Front gegen die Ratlosigkeit einer Gesellschaft kämpft, bringt mich an den Rand der Verzweiflung.

Ich bin enttäuscht, wütend und fühle mich machtlos. Ich werde mich ins Auto setzen und diesen idyllischen, aber auch beklemmenden Ort verlassen. Ich werde mich für den Moment in die Sicherheit meiner eigenen Welt retten. In dem Wissen, dass ich Marcus’ Geschichte und die, die er zu erzählen weiß, nicht mehr vergessen werde. Aber ich kann und werde sie weitererzählen. Weil ich weiß, dass die Wahrheit mich immer wieder einholen wird. Egal, wie schnell und wohin ich fahre.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

nächste Geschichtenächste Geschichte