Kleider machen Leute. Egal, ob mit oder ohne Behinderung.

Martina Seifert

Mitarbeiterin im Büro des Vorstandes beim Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital e. V.
im Gespräch mit Bernhard Kelz

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Irgendwann wird alles zur Normalität. Im Laufe der Zeit sind Wohlstand, Frieden und Meinungsfreiheit für uns glücklicherweise selbstverständlich geworden. An Populismus, Ausgrenzung und zunehmende Respektlosigkeit scheinen wir uns leider gerade zu gewöhnen. Denn weil die Welt komplexer wird, suchen wir nach einfachen Antworten. Ja oder nein. Schwarz oder weiß. Du oder ich. Dabei laufen wir Gefahr, die vielen Dinge, die dazwischen liegen, aus den Augen zu verlieren. Damit das nicht passiert, müssen wir sie uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. Martina Seiferts Job ist es, genau das zu tun. Seit sieben Jahren ist sie bei der Lebenshilfe und trägt sowohl Neuigkeiten aus dem Verein als auch Anliegen des Vereins in die Öffentlichkeit. Um zu erfahren, was diese Aufgabe im Arbeitsalltag bedeutet, haben wir uns verabredet. Abseits ihres Alltags, außerhalb ihres Büros. Wir treffen uns im Lindenhof Rathen, dem Integrativen Kinder- und Jugendhaus der Lebenshilfe.

Sie kommt mit einem Lächeln auf mich zu, dem man anmerkt, dass es ehrlich gemeint ist. Wir begrüßen uns herzlich, fast schon familiär. Wer uns nicht kennt, könnte denken, dass wir seit Jahren miteinander bekannt sind. Wir sind es nicht. Doch nichtsdestotrotz stellt sich sofort eine vertrauensvolle Atmosphäre ein. Ein Gefühl, dass ich ihr jedes meiner Geheimnisse anvertrauen könnte, ohne Angst haben zu müssen, dass sie es irgendwann weitererzählt. Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass wir offen und ehrlich miteinander reden. Diese Zweifel habe ich gelegentlich, wenn ich mit Marketingverantwortlichen spreche. Aber Frau Seifert stammt noch von der alten Schule. Sie gehört zu den heutzutage in der Branche immer seltener werdenden Menschen, die sich nicht hinter Anglizismen und Kunstbegriffen verstecken. Trotzdem ist sie auf der Höhe der Zeit, kennt sich in sozialen Netzwerken aus und weiß um die Fallstricke der Kommunikation heutzutage. Was mich besonders fasziniert, ist ihre wohltuende Ruhe, ihre spürbare Gelassenheit.

Kommt das mit dem Alter?, frage ich mich selbst. Ist Lebenserfahrung das notwendige Gegengewicht zur Schnelllebigkeit unserer Zeit? Wieviel leichter fällt ihr der Job, weil sie auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann? Fällt ihr der Job dadurch überhaupt leichter? Oder ist ihre Gelassenheit ein Schutz, um nicht daran zu zerbrechen, dass sie einige Dinge nicht ändern kann?

Eine der größten Herausforderungen scheint mir die Auswahl der Themen zu sein, über die Frau Seifert im Namen der Lebenshilfe berichtet. Zudem steht auch immer die Frage im Raum, wie das Thema die Menschen erreicht, an die es adressiert ist. Ich frage sie, wie steril oder persönlich die Öffentlichkeitsarbeit ist, die sie macht. Ob es eher Pressemitteilungen sind oder ob sie versucht, besondere Momente sichtbar zu machen. Letzteres sei zwar schwierig, sagt sie, aber genau das versucht sie. „Eine reine Pressemitteilung funktioniert nicht. Wir berichten über die Aktivitäten unserer Betreuten und hoffen, dass andere Menschen erkennen, dass sie im Grunde genommen all das machen, was wir auch machen. Menschen erreicht man über Emotionen und Gefühle. Über Gänsehautgeschichten, von denen es in der Lebenshilfe viele zu erzählen gibt. Eine davon ist die eines Bewohners der Sozialtherapeutischen Wohnstätte in Sebnitz, der jetzt auszieht. Sein Weg in die Abhängigkeit, sein Beweggrund, sich selbst einzuweisen, der lange Weg zurück in eine eigene Wohnung – das sind Geschichten, die unter die Haut gehen.“ Menschen erreicht man über Emotionen und Gefühle. Über Gänsehautgeschichten, von denen es in der Lebenshilfe viele zu erzählen gibt.

Vor allem sind es Geschichten, die selten erzählt werden, denke ich mir. Doch machen nicht erst Geschichten aus dem echten Leben nachvollziehbar, dass die Arbeit der Lebenshilfe weitaus mehr ist, als Abhängigen oder Menschen mit Behinderung ein Dach über dem Kopf zu bieten? Ist das nicht auch die einzige Möglichkeit, das fehlerhafte Bild über diese Menschen in der Öffentlichkeit zu korrigieren? Um der Diskussion über gleichberechtigte Teilhabe auch die Dimension der Menschlichkeit zu geben, statt wie bisher rein monetär zu betrachten?

Dabei sei es wichtig, auch immer die Betreuer und Therapeuten mit einzubeziehen, betont Frau Seifert. Nicht als ‚Aufpasser‘, sondern um die Geschichte auch aus deren fachlicher Sicht zu erzählen.

Das zu hören, freut mich. Denn es ist kein Geheimnis, dass ich nicht damit einverstanden bin, dass Menschen mit Behinderung regelrecht instrumentalisiert werden. Ich betrachte sie als meine Mitmenschen, die so wie ich Stärken, aber auch Schwächen haben. Sie haben Träume, sehnen sich nach Geborgenheit, fürchten sich gelegentlich. Genau wie wir alle. Sie haben wie wir alle das Recht, im Rampenlicht stehen oder aber in der Masse untertauchen zu dürfen. Doch immer wieder stelle ich fest, dass sie auf ihre Behinderung reduziert werden. Ob beabsichtigt oder nicht: Auch soziale Träger zeigen regelmäßig öffentlichkeitswirksam mit dem Finger auf eine Behinderung. Gleichzeitig aber proklamieren sie, dass Menschen mit Behinderung Menschen wie du und ich sind. Ja, das sind sie! Unbestritten.

Sagt man einem Blinden, dass es schön ist, ihn zu sehen?

Aber so wenig, wie wir auf lediglich einen kleinen Teil unserer Persönlichkeit beschränkt werden wollen, so wenig sollten wir das bei ihnen machen. „Einige der von uns Betreuten leben zuhause bei ihren Familien. Doch wir wissen aus Gesprächen, dass es viele Eltern gibt, die mit ihren Kindern nicht in die Öffentlichkeit gehen“, erzählt Frau Seifert mit trauriger Stimme. „Weil sie sich schämen. Weil sie angeguckt werden. Weil über sie geredet wird. Wenn zum Beispiel die Tochter aufgrund ihrer Behinderung im Garten durch die Gegend schreit. Dann gucken die Nachbarn verständnislos über den Zaun. Und das tut weh. Viele Jahre war es so, dass wir Menschen mit Behinderung separiert haben.“ Ihre Stimme wird energischer. „Separate Kindergärten, separate Schulen, separate Arbeitsstätten – das ist in großen Teilen heute noch so. Wer hat denn schon Kontakt zu Menschen mit Behinderung, wenn er sie nicht gerade in der Familie, im Freundeskreis hat oder im sozialen Bereich mit ihnen arbeitet?

Berührungsängste und Unsicherheiten gibt es auf beiden Seiten. Hinzu kommt das Unwissen über den Umgang mit Menschen mit Behinderung. Sagt man einem Blinden, dass es schön ist, ihn zu sehen? Geht man mit einem Rollstuhlfahrer spazieren oder einkaufen? Schon an diesen Beispielen zeigt sich, dass Berührungspunkte fehlen. Wir wissen oft nicht einmal, wie wir mit ihnen sprechen sollen. Mit wir meine ich explizit auch mich. Sie gar anzusprechen trauen sich die Wenigsten. Stattdessen schauen wir beschämt weg oder blenden das Thema komplett aus. Doch es gibt Möglichkeiten, bestehende Barrieren abzubauen, wie Frau Seifert sagt: „Wir suchen nicht nur Fachkräfte, sondern auch Menschen, die ihre Zeit spenden. Die eine Gruppe ins Kino begleiten oder einen Bewohner mit in die Disko nehmen, wenn er sich das wünscht. Oder jemanden mit auf eine Wanderung nehmen. Einer unserer Klienten zum Beispiel sitzt im Rollstuhl und wünscht sich einen Ausflug auf die Festung Königstein. Er bräuchte jemanden, der mit ihm hinfährt und dort oben das Ringel läuft“, nennt sie mir einige Beispiele. Als Bindeglied zwischen Vorstand und Geschäftsstelle bekommt sie aber auch mit, welche Wünsche die Mitglieder des Vereins Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital haben. Zum Beispiel wünschen sich die Freitaler eine Mode- und Stilberatung für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ein Thema, das ihr sichtlich an die Nieren geht. Das erkenne ich an ihrem Blick ebenso, wie an ihrer Stimme. Der Kloß, den sie im Hals hat, ist nicht zu überhören: „Ein Mensch mit Behinderung muss ja nicht hässlich sein. Man muss nur gucken, dass man das, was diesen Menschen ausmacht, ins richtige Licht rückt. Wenn man auch auf Feinheiten Aufmerksamkeit legen würde, könnte das auch den Blick der Gesellschaft auf Menschen mit Behinderung ändern. Man kann die Haare schick machen – einmal zum Friseur rettet das ganze Leben. Auch die Garderobe und die Brille müssen nicht langweilig sein. Aber wenn ich manchmal in der Werkstatt bin und sehe, dass bei allen der Haarschnitt der gleiche ist…“. Sie kämpft mit den Tränen. „Wir haben in Neustadt junge Leute, die kommen mit den abgelegten Sachen der Großmutter. Das tut weh…“ Es fällt mir schwer, darauf etwas zu antworten. Man sagt mir eine gewisse Schlagfertigkeit nach, aber in diesem Augenblick bin ich sprachlos.

Ich versuche, eine Erklärung zu finden. Warum investiert man nur einen Mindestbetrag in den Haarschnitt? Und wer entscheidet das? Der Sorgeberechtigte, der Friseur? Ich selbst trage die mir verbliebenen Haare auf ein Mindestmaß gekürzt. Aber nicht, weil mir mein Äußeres nicht wichtig wäre, sondern weil es das ist. Haben wir das Recht, anderen Menschen eine gewisse Eitelkeit abzusprechen? Schließt Mode Menschen mit Behinderung aus? Oder sind wir es, indem wir ihnen jegliches ästhetisches Empfinden absprechen? Würden wir uns in einem lilafarbenen Anorak wohlfühlen oder mit stolzer Brust einen dieser Trainingsanzüge aus Ballonseide tragen, die in den 1990er Jahren angesagt waren?

Es liegt also auch im Interesse ihres Sohnes, der Welt da draußen mitzuteilen, dass Menschen mit Behinderung ganz normal unter uns leben. Vor allem aber, dass die meisten Barrieren in unseren Köpfen bestehen. Sie einzureißen oder zumindest ein wenig abzutragen, hat sich Frau Seifert fest vorgenommen. Ich frage sie, inwieweit die Öffentlichkeitsarbeit dazu beitragen kann. „Ich möchte zeigen, dass Menschen mit Handicap wie du und ich sind. Sie arbeiten gern, kochen gern, sie essen gern, sie treiben gern Sport, sie interessieren sich für Fußball, tanzen gern und noch ganz viel mehr. Sie freuen sich, sind manchmal traurig und manchmal sehr zurückgezogen. Es fällt ihnen manches schwerer und sie brauchen oft etwas länger. Aber wenn sie was geschafft haben, dann sind sie genau so stolz wie du und ich.“

Selbstvertrauen kann man nicht kaufen. Es muss aufgebaut werden und wachsen. Damit das gelingt, leisten die Mitarbeiter der Lebenshilfe jeden Tag Großartiges. Wieviel ihnen das unter den aktuellen Umständen abverlangt, weiß Frau Seifert. Zuviel. „Ich habe das Gefühl, das unsere Kollegen, die schon seit Jahren an den Rand ihrer Kräfte gehen, erschöpft sind und die schönen Sachen oft gar nicht mehr sehen können. Weil sie einfach nur noch funktionieren müssen“, erzählt sie sichtlich niedergeschlagen. „Sie machen viele Überstunden, arbeiten nachts, an Wochenenden. Ich wünsche mir für sie, dass das bald besser wird. Und dass sie solange gesund bleiben. Dass sie ihre Arbeit weiterhin gern machen. Vor allem aber wünsche ich mir, dass sie wieder stolz auf ihre Arbeit sein können. Weil sie die gesellschaftliche Anerkennung erfahren, die sie verdient haben.“ Dass das aktuell nicht so ist, quält mich. Ich weiß, dass es keine einfachen Antworten gibt. Aber ich weiß, dass die schönsten Dinge des Lebens dort liegen, wo Antworten am Schwierigsten zu finden sind. Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

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