Wir brauchen nicht mehr Pflegebetten. Sondern Menschen, die dran stehen.

Ralf Thiele

Vorstandsvorsitzender des
Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital e. V.
im Gespräch mit Katrin Fischer

Der Blick in meinen Terminkalender ist nicht selten auch ein Blick auf ein Leben, das bis zum Anschlag vollgepackt ist. Meetings, Präsentationen und Kundentermine reihen sich als schnöde Kästchen getarnt dicht aneinander. Zeit zum gedanklichen Luftholen bleibt, ganz objektiv betrachtet, kaum. Denn fast alle dieser Rechtecke, die im Outlook stoisch ihr Dasein fristen, sind zu lösende Aufgaben, Herausforderungen, Probleme. Nur fast alle, da sich hinter einigen dieser Kästchen auch Termine mit Menschen verbergen, mit denen ich gerne meine Zeit verbringe. Mit Kunden, Kollegen und anderen klugen Köpfen, zum Beispiel. Einer dieser Menschen ist Ralf Thiele: Hotelier, Geschäftsmann, Vorstandsvorsitzender. Unternehmer, Stratege, Visionär – ein Tausendsassa, der zu den umtriebigsten Menschen zählt, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe. Oder viel besser: kennenlernen durfte. Heute ist eines der Kästchen in meinem Kalender ihm gewidmet. „Betreff: Gespräch mit Ralf Thiele (Lebenshilfe). Ort: Hohwald-Werkstätten Neustadt“ lautet der nüchterne Eintrag. Wie sehr ich mich auf dieses Treffen freue, kann man daraus nicht ablesen. Aber ich tue es. Also mache ich mich von Dresden aus auf den Weg in Richtung Sächsische Schweiz. Auf nach Neustadt.

Hier, bei den Hohwald-Werkstätten, einen Parkplatz zu finden, ist ähnlich schwierig wie in der Dresdner Neustadt. Was daran liegen könnte, dass man ohne Auto nur beschwerlich hier her kommt. Aber geteiltes Leid ist halbes Leid, wie man so schön sagt. Und wenn ich mich auf dem Parkplatz umgucke, tragen den Umstand der nicht ganz einfachen Anreise sehr viele Schultern. Was ich daran auch erkenne: Es gibt ordentlich zu tun. Das freut mich. Dennoch: Ich suche einen Parkplatz. Ein Stück abseits finde ich einen, stelle mein Auto ab und mache mich zu Fuß auf den Weg zu dem Gebäude, das ich als Hauptgebäude ausgemacht habe. Nur wenige Schritte im Inneren und ich stehe in der werkstatteigenen Kantine. Hier treffe ich Ralf Thiele. Ein modisch gekleideter Mann, der mich an eine Mischung aus Rockabilly, Golflehrer und Anchorman erinnert. Was mir zudem schon im Vorgespräch sehr wohlwollend aufgefallen ist, ist sein herrlich schlunziger, von mir geliebter berlinerischer Dialekt. Immer wieder höre ich die Berliner Schnauze durch, wenn er aus einem hochdeutschen ‚habe ich‘ ein ‚haj ick‘ macht. Dann schwingt in einem Satz eine Leichtfüßigkeit und Selbstverständlichkeit mit, die sonst nur umständlich zu erklären wäre.

Wir stehen in einem großen Raum, in dem ich drei lange Tischreihen erkennen kann, an denen beiderseits unzählige Stühle stehen. Es ist ein heller, freundlicher Raum, der durch viele groß gewachsene Zimmerpflanzen so etwas wie Wohnzimmer-Flair versprüht. Passend dazu gönnen wir uns einen Kaffee, bei dem es sich meistens einfacher spricht. Warum auch immer. Erfahrungswerte. Wir veranstalten keinen Kaffeeklatsch, sondern wollen über so ernste Themen wie Inklusion, Pflegenotstand und die Rolle der Lebenshilfe sprechen. Nicht von Vorstandsvorsitzendem zu Geschäftsführerin, sondern von Mensch zu Mensch. Bei einem Gespräch in Ruhe, das wir in der Kantine jedoch nicht führen können. Hier ist zu viel los, immer wieder kommen Mitarbeiter vorbei, grüßen uns. Mehr als Smalltalk ist in diesem Umfeld nicht drin, also ziehen wir weiter. Und finden uns in einem gläsernen Vorbereitungsraum ein, der in der Ecke einer Halle liegt. Der Lärm der Produktion scheint hier keinen Zutritt zu haben. Denn sobald man die Tür schließt, herrscht drinnen eine beeindruckende Stille. Zeit, gedanklich Luft zu holen.

Dass ein Verein einen Vorstand und dieser einen Vorsitzenden braucht, ist Gesetz. Warum diesen Posten ausgerechnet der Unternehmer und Hotelier Ralf Thiele inne hat und wie er dazu gekommen ist, möchte ich von ihm wissen. Das sei eine gute Frage, antwortet er. Gibt mit der Betonung aber zu erkennen, dass er sie häufiger gestellt bekommt. 

Aber mal Butter bei die Fische: Wie kommt man dazu? Aus meiner Erfahrung heraus ist ehrenamtliches Engagement vor allem eine fordernde Aufgabe. Weil man sie sich neben dem Job noch on-top auf seinen Tag schaufelt. Was zu noch mehr Einträgen im Terminkalender führt. Oder gilt das nur für mich?

Er gönnt sich eine kurze Gedankenpause, dann antwortet er: „Ich hatte über die gleichnamige Stiftung bereits Berührungspunkte zur Lebenshilfe, gänzlich unbekannt war mir das Thema also nicht. Für meinen Amtsvorgänger wurde ein Nachfolger gesucht und als man mich gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, Mitglied des Vorstandes zu werden, war ich total begeistert. Gleichzeitig war mir klar, dass es eine Herausforderung werden würde. Denn ich wusste, wie groß der Verein ist. Nach einigen Jahren im Berufsleben konnte ich schon einschätzen, was das bedeutet. Dass ich direkt zum Vorsitzenden gewählt werden würde, habe ich zu der Zeit nicht geahnt. Ebenso wenig, wie es damals um die Lebenshilfe stand und was auf mich zukommt.“

Seine Antwort bringt mich ins Grübeln. Welches Erbe hat er mit diesem Posten wohl angetreten? Hat man ihm nicht alles erzählt? Ihn gar ins kalte Wasser geworfen und gehofft, dass er derjenige ist, der einen im Dreck steckenden Karren wieder nach draußen ziehen kann? Und wenn dem so ist: Hätte er dankend abgelehnt, wenn er es gewusst hätte oder hätte er sich dieser Herausforderung, wie er es nennt, trotzdem gestellt?

Statt weiter zu vermuten, frage ich ihn. Zuerst einmal mussten stabile wirtschaftliche Voraussetzungen für die Zukunft geschaffen werden. Dafür musste so mancher alter Zopf abgeschnitten, hier und dort auch emotional ein Schlussstrich gezogen werden. Es galt, Entscheidungen zu treffen. So weitreichend, dass sie nicht zwischen Tür und Angel getroffen werden konnten. Es klingt, als würde er aus einem Wirtschaftskrimi vorlesen. Einem, in dem es um einen Konzern geht, der kurz vor der Zerschlagung steht. Weil im Laufe der Zeit das Wichtigste verloren schien, was man für unternehmerischen Erfolg braucht: Der gemeinsame Glaube an Erfolg. Es musste schneller gehen und hat ihm mehr Zeit als anfangs erwartet abverlangt, sich einzuarbeiten. „Ich habe dann mit allen Beteiligten gesprochen und wir haben beschlossen, die Reset-Taste zu drücken. Einen neuen Plan zu erarbeiten, alles neu zu ordnen. Ich musste Vertrauen einfordern, obwohl mich noch niemand kannte, sondern nur meinen Ruf, der mir voraus geeilt ist. Ich musste versuchen, die Leute mit ins Boot zu holen, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Vor allem aber kommunizieren, dass es Veränderungen geben wird. Veränderungen, die mit der Belegschaft, mit den Betreuten, mit den Angehörigen stattfinden. Dafür habe ich viel Kritik einstecken müssen. Wir mussten uns kennenlernen und Vertrauen ineinander hegen. Das hat gut funktioniert, alles andere mussten wir uns erarbeiten. Aber heute stehen wir wirtschaftlich so gut da, wie nie. Auch zum Betriebsrat haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Das ist nicht mein Verdienst, sondern das der motivierten Leute hier. Im Ergebnis bin ich total glücklich, dass die Lebenshilfe ein Teil meines Lebens geworden ist. Weil ich sonst nie hätte einen Blick hinter die Mauern werfen können. Das ist aber für mich, für meine Familie und für meine Freunde eine totale Bereicherung.Im Ergebnis bin ich total glücklich, dass die Lebenshilfe ein Teil meines Lebens geworden ist.

Das Schicksal meint es gut mit der Lebenshilfe. Auch, wenn es schon mal knapp gewesen zu sein scheint. Aber wer nach einem so schwierigen Start immer noch behaupten kann, eine Bereicherung zu erleben, muss von seinem Tun überzeugt sein. Vor allem aber das Positive im Leben sehen und höher bewerten, als das Negative. Doch worin genau sich die Bereicherung für Ralf Thiele begründet, möchte ich trotzdem wissen. „Das Schicksal kann einem jeden Tag über die Straße helfen“, beginnt er seine Antwort. Ein Sprichwort, das ich nicht kenne. Aber ein Satz, den ich mir merken werde. Zumindest versuche ich es. „Man kann auch mal Pech haben. Und ich finde es gut zu wissen, dass es einen Verein gibt, der nichts anderes macht, als anderen Menschen zu helfen. Denn es kann jeden Tag jeden von uns treffen. Das sieht man besonders eindrucksvoll, wenn man mal über die Schlaganfallstation in der Uniklinik Dresden geht.“ Ich gebe ihm Recht, erkenne aber auch eine Problematik dahinter. In unserem Sprachgebrauch gibt es die flapsig ablehnende Frage ‚Was geht mich fremdes Elend an?‘ Sie macht deutlich, was eines der größten Hindernisse ist, sich – nicht nur, aber auch – mit der Arbeit der Lebenshilfe auseinanderzusetzen: Solange wir selbst nicht betroffen sind, können wir das Thema Leben mit Handicap weitestgehend ausblenden. Das tun wir, weil es uns den Spaß verdirbt, zum Nachdenken zwingt und gerade nicht in den Lebensplan passt. Doch wenn wir das tun, blenden wir gleichzeitig diejenigen aus, die für diese Menschen da sind. Bei der Lebenshilfe mehr als dreihundert an der Zahl. Mehr als 300 Menschen, für die Ralf Thiele die Verantwortung trägt. Das jedoch würde dem Mann, der mir stellvertretend für sie alle mit einem schlichten, weißen Kaffeepott in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gegenüber sitzt, in keiner Weise gerecht werden. 

Doch sind nicht die von Thiele eben angesprochenen Mauern genau das Problem? Wäre es nicht besser, diese ominösen Mauern einzureißen, statt nur Interessierten einen Blick dahinter zu gewähren? Wären wir als Gesellschaft nicht besser beraten, wenn wir uns nicht nur als zufällig zusammengewürfelte Menschenmenge verstehen, die ebenso zufällig in der gleichen Stadt, der gleichen Region, dem gleichen Staat wohnt? Sondern als eine Gemeinschaft, die nur im Zusammenhalt eine Chance hat, dafür dann aber auch alle Möglichkeiten?

Was wir als Zivilgesellschaft der Lebenshilfe Gutes tun können, frage ich ihn. „Ich würde es schon als gelungen empfinden, wenn die Gesellschaft weiß, dass es Institutionen wie die Lebenshilfe gibt. Die nicht nur dann in Frage kommen, wenn das Schicksal die eigene Familie heimsucht und man notgedrungen über Sozialarbeiter darauf aufmerksam gemacht wird.

Sondern, dass man immer weiß, dass man sein Kind, seine Ehefrau oder seinen Ehemann in Pflege geben kann. Dass es geschützte Räume wie Werkstätten und Wohneinrichtungen gibt und das Leben weitergehen kann. Unter Umständen, die demjenigen auch gerecht werden. Weil es Menschen gibt, die für andere Menschen da sind. Auch, wenn sie plötzlich nicht mehr auf der Sonnenseite des Lebens stehen.“

Dass es überhaupt noch Menschen gibt, die für andere Menschen da sind, scheint mir keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein. Immer wieder ist es unsere Aufgabe, die Personalnot unserer Kunden mit kreativen Ideen zu lindern. Und natürlich weiß ich, dass es auch in der Pflegebranche einen Fachkräftemangel gibt. Doch wenn es in der medialen Berichterstattung um den so genannten Pflegenotstand geht, wird fast ausschließlich Geld als Grund allen Übels genannt. Dass Sparmaßnahmen über lange Zeit zu dieser prekären Situation geführt haben, möchte ich nicht bezweifeln. Wohl aber, dass durch Geld allein alles wieder gut wird. Denn es wirkt dann fast so, als ob es nur eine Frage des Geldes wäre, die Zeit bis an einen Punkt zurückdrehen zu können, an dem noch alles irgendwie gut war. Dass das unmöglich ist, ist kein Geheimnis. Soweit ich informiert bin, muss man eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen, um in der Pflege seine berufliche Zukunft zu sehen. Nicht nur, weil man in einem ganz besonderen Maße am persönlichen Schicksal anderer Menschen teilhat, sondern weil einem vom ersten Tag an viel abverlangt wird: Die Ausbildung kostet Geld. Warum, frage ich Herrn Thiele. „Wir wollen bedarfsgerecht ausbilden, wir wollen zielorientiert ausbilden. Wir zeigen uns, wir öffnen uns und versuchen, dass hier selbst zu organisieren. Wir wollen das Thema Aus- und Fortbildung basisnah gestalten. Deswegen wollen wir ein eigenes Bildungszentrum aufbauen.“ Das zu hören, überrascht mich. Im positiven wie leider auch im negativen Sinne. In Gedanken gehe ich Für und Wider durch. Doch wie weit kann man sich von der Masse abheben, ohne ausgegrenzt zu werden?

Vier Jahre nach einer finanziell bis aufs Äußerste gespannten Lage ernsthaft mit solcherlei Gedanken zu spielen, ist eine Ansage. Und ein eigenes Bildungszentrum ist eine clevere Idee, um den Mitarbeitern eine tatsächliche Chance zu geben, sich auf die Aus- oder Weiterbildung zu konzentrieren. Aber ist es nicht letztlich der Beweis dafür, dass die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen falsch sind? Wenn sich soziale Träger wie die Lebenshilfe jetzt schon selbst kümmern müssen, weil es ansonsten keinen Schritt weiter geht. Weil sie des Wartens satt und müde sind, und sich nicht länger auf Versprechungen aus der Politik verlassen wollen. Sollen, können und dürfen wir uns über dieses Engagement freuen? Oder sollten wir dies zum Anlass nehmen, der Politik den Spiegel des Abwartens vorzuhalten? Hat man vielleicht sogar darauf spekuliert, dass das passieren würde? Wollte man Probleme, für die man keine Lösung hat, vielleicht einfach aussitzen?

Während mir diese Gedanken durch den Kopf huschen, spricht Herr Thiele weiter: „Letztlich wollen wir den Leuten, die wir erreichen wollen, zeigen, was sie bei uns werden können. Wie es sich anfühlt, bei uns zu arbeiten. Wir müssen dabei aber auch ehrlich sagen, dass unsere Landkreise für junge Menschen auch nur beschränkte Möglichkeiten im Berufs- und Familienleben bieten. Das geht mit Einkaufen, Schulen und Kultureinrichtungen weiter. Allerdings ergeben sich damit auch neue Möglichkeiten in der Freizeitgestaltung. Das muss man den Leuten von Anfang an klar kommunizieren. Wenn wir unser Sucht- und Therapiezentrum in Sebnitz haben, dann ist das eben nicht Freital unmittelbar vor Dresden. Es ist eine bewusste Entscheidung, mit der wir gemäß unserer Bezeichnung Pirna, Sebnitz und Freital auch Verantwortung für den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge übernehmen. Wir haben Fachpersonal in der Region und wollen dem ländlichen Raum die Chance auf Entwicklung geben. Das hat viele Vorteile, aber die Nachteile zu verschweigen, wäre frevelhaft. Denn dann sind die Leute enttäuscht und gehen nach zwei Jahren wieder. Und das wollen wir nicht.“

Vielleicht meint es das Schicksal doch nicht so gut mit der Lebenshilfe, korrigiere ich meinen Gedanken von vorhin. Pirna, Sebnitz, Freital – nicht zwingend die Hotspots, an denen sich vor allem junge Menschen gern niederlassen. Zum Arbeiten gehört ja auch immer noch ein Leben, das hier, so vermute ich, anders läuft als in der Stadt. Weniger anonym, weniger turbulent, weniger heterogen. Fällt es hier nicht auch umso schwerer, nicht aufzufallen? In meinem Kiez in der äußeren Dresdner Neustadt kennt man mich. Ich bin die, die irgendwie immer zu tun hat, die eine klare politische Meinung hat und die ihren Sohn aktuell durch die Pubertät begleitet. Damit bin ich zwar kein Exot, aber ich falle auf. Doch wie weit kann man sich von der Masse abheben, ohne ausgegrenzt zu werden?

Hier, in der Werkstatt, wird niemand ausgegrenzt, klar. Aber wichtig für die Menschen hier ist, wie die Welt außerhalb dieser Mauern aussieht. Ist eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung ein geschützter oder ein abgeschotteter Raum? Ketzerisch gesagt haben wir mit Wohnpflegestätten und Werkstätten wie dieser hier Räume geschaffen, in denen wir Menschen separieren können. Das mag auf der einen Seite gut für sie sein, aber widerspricht das nicht dem Inklusionsgedanken? „Bräuchten wir in der Gesellschaft nicht eine viel stärkere Durchmischung? Müssen wir nicht mehr Menschen mit Behinderungen dort integrieren, wo es geht?“, frage ich Herrn Thiele. Er antwortet schnell. „Das kann jeder mal probieren. Inklusion ist ein großes, staatstragendes politisches Thema geworden. Ich behaupte, dass es in der Realität aber überhaupt noch nicht umsetzbar ist. Weil es gesellschaftlich noch nicht angekommen ist, dass Menschen mit Behinderung zum Leben dazu gehören. Weil wir als Gesellschaft noch ausblenden, dass man eine Behinderung nicht zwingend von Geburt an haben muss, sondern sie einen auch mitten im Leben ereilen kann.“ Leider muss ich zugeben, dass sich seine Antwort mit meiner Einschätzung deckt. Doch jemand wie Ralf Thiele kritisiert nicht, er übt konstruktive Kritik. Das heißt im Umkehrschluss, dass er eine Idee hat, was man ändern müsste, um dieses Bewusstsein zu schaffen. Also frage ich ihn danach. Einfach machen

Man muss es machen, sagt er. Meint damit die Inklusion. Er selbst hat es ausprobiert und war mit behinderten Kindern während der Ferienbetreuung bei einer Theatervorstellung. Keine Sonderveranstaltung, sondern eine tatsächlich inklusive, bei der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam im Publikum saßen. Es sei für ihn ein spannendes Spiel gewesen, auf die Reaktion der Eltern zu gucken, deren Kinder keine Behinderung haben. Im Ergebnis hatten die Erwachsenen weitaus mehr Probleme mit der Behinderung anderer als die Kinder. Ähnliches habe er auch erlebt, als er mit einer Gruppe behinderter Kinder im Kino war. Daran zeige sich, dass die Gesellschaft im Umgang mit Menschen mit Behinderung viel zu wenig geübt ist. „Und dabei ist das noch lange nicht Inklusion, auch nicht, wenn in einer Klasse mit 20 Schülern zwei sitzen, die eine Behinderung haben. Inklusion heißt, dass Menschen mit Behinderung Bestandteil des täglichen Lebens sind. Das ist ein großer gesellschaftlicher Akt. Die Rahmenbedingungen dafür haben wir noch nicht, aber wir müssen sie schaffen. Denn Inklusion ist ein sehr komplexes Thema, in dem auch Geld, zum Beispiel in Form von Verwaltungskosten, eine Rolle spielt. So blöd, wie das klingt. Auch wir bei der Lebenshilfe leben nicht von Luft und Liebe, sondern von dem, was Kostenträger und unsere eigene wirtschaftliche Situation uns zur Verfügung stellen.“ Als Verein bewegt sich der Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital e. V. in einem Spannungsfeld. Er ist, trotz seiner Rechtsform, ein Wirtschaftsbetrieb, ein mittelständisches Unternehmen mit mehr als 300 Mitarbeitern und einer hohen Bilanzsumme. Zwar gibt es im Verein das Solidarprinzip, erklärt Herr Thiele, aber trotzdem sei man an Wirtschaftskennzahlen einzelner Einrichtungen gebunden. Das erschwere es ihm, seine eigentliche Mission zu verfolgen. Wir müssen Druck machen, mutig sein, Probleme immer wieder auf den Tisch packen, …

Der Leitgedanke war von Anfang an, die Qualität in der Pflege weiterzuentwickeln. Wir wollen dem Menschen, der die Pflege vollzieht, Sicherheit und Perspektiven bieten. Wir wollen entbürokratisieren und den Pflegeberuf in den Mittelpunkt stellen. Wir versuchen, sämtliche Rahmenbedingungen zu optimieren und es lohnenswerter zu machen, auf Arbeit zu kommen. Damit unsere Mitarbeiter mit Freude an ihre Aufgaben gehen können und nicht der Herausforderung gegenüber stehen, noch an tausend andere Dinge denken zu müssen,“ fasst Ralf Thiele seine Motivation zusammen. „Wir brauchen nicht mehr Pflegebetten, sondern Menschen, die dran stehen. Mittlerweile haben wir auch viele Quereinsteiger, die ihr zweites oder drittes Berufsleben in der Pflege gefunden haben. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass es nötig ist, eine gewisse Lebensreife zu haben. Es gibt bei uns auch Mitarbeiter, die aufgrund einer familiären Begebenheit, eines Schicksalsschlages oder einer besonderen Begegnung den Zugang zum Pflegeberuf gefunden und dann festgestellt haben, was das für ein toller Beruf ist. Wenn sich diese Menschen dann bei uns wohl fühlen, gern auf Arbeit kommen und von unserer Idee fasziniert sind, reden sie auch darüber. Das schafft ein Gemeinschaftsgefühl; eine Bewegung, die geschlossen nach außen auftritt und irgendwann auch von der Politik nicht mehr ignoriert werden kann. Wir alle sind in Bewegung. Die Bewegung muss und wird die Politik erreichen. Die politische Behäbigkeit und vor allem die reflexartigen Reaktionen, politische Themen zu formulieren, dann auch noch schnelle Lösungen zu produzieren, hilft uns nicht wirklich. Wir müssen Druck machen, mutig sein, Probleme immer wieder auf den Tisch packen, aber auch Lösungswege aufzeigen. Auch wir müssen dafür sorgen, dass all diejenigen, die Verantwortung haben, diese nicht nur als Titel spazieren tragen, sondern Gas geben, ihren Job machen, Verantwortung übernehmen. Uns spüren, unsere Wünsche und Forderungen kennen.“

Die Mühlen mahlen langsam, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Was ich jedoch nicht nur als mein persönliches Problem betrachte, sondern eines, das uns als Gesellschaft betrifft, ist Desinteresse. ‚Ich sitze in dieser Arbeitsgruppe, weil ich dienstlich dazu verpflichtet wurde‘ höre ich immer noch einen Mitarbeiter eines Ministeriums sagen, als sich beim ersten Treffen alle Teilnehmer vorgestellt haben und ihre Motivation zur Mitarbeit erläuterten. Damals ging es um Drogen, ein anderes Thema, aber doch bezeichnend für die Antriebslosigkeit, die nicht nur ich wahrzunehmen scheine. Wie oft ich mir schon gewünscht habe, dass jeder die mit seinem selbstgewählten Job verbundene Verantwortung auch ernst nimmt, kann ich nicht mehr zählen. Doch vom Wünschen allein ändert sich nichts. Auch nicht, wenn sich Ralf Thiele im Namen der Lebenshilfe etwas wünscht. Da muss doch irgendein Politiker mal aufwachen und sagen, dass er sich da mal blicken lassen muss!

„Welche konkreten Forderungen, keine Wünsche, haben Sie denn an die Politik?“ frage ich ihn. „Eine Forderung habe ich auf jeden Fall“, antwortet er. „Dass die Politik von sich heraus auf die Idee kommt, einen Wohlfahrtsträger zu besuchen. Das muss nicht zwingend nur die Lebenshilfe sein. Aber einfach mal zu klingeln, mal anzurufen und mal zu fragen, was es für Sorgen und Nöte gibt. Wo es Hilfe bedarf. Und nicht nur wenn es um Bändchen durchschneiden bei einem Termin geht. Ich fordere ein, dass sich im Laufe der Legislatur ein Bundes- oder Landtagsabgeordneter oder Minister aus sich heraus dafür interessiert. Dass ernsthaftes Interesse besteht, auch mal über die Arbeit zu reden. Wenn das mal beginnen würde, dass einem Politiker in den Sinn käme, unaufgefordert zuzuhören, sich mit den Menschen zusammenzusetzen. Auch mal etwas sacken zu lassen und nicht sofort tausend Argumente runterzurasseln, warum all das nicht geht. Wenn Politikern – nicht auf kommunaler, sondern auf Bundes- und Landesebene – in den Sinn käme, auch mal außerhalb eines Protokolls mutig zu sein, dann wären wir schon einen großen Schritt weiter.“ Aber er kennt einige Protagonisten, fährt er fort. Es wäre gegen den Strich ihrer eigenen Gewohnheit und vielleicht auch Überzeugung. Politische Unterstützung oder echte Lobbyarbeit für die Wohlfahrt gibt es so gut wie keine. Das findet er ebenso schade, wie ich. Denn man sollte nicht nur dorthin gehen, wo es größtmögliche Publicity gibt. Sondern vor allem dahin, wo es einen großen gesellschaftlichen Wirkungsgrad gibt. Die Lebenshilfe ist ein großer Verein, der über 300 Leuten Lohn und Brot gibt und in 25 Einrichtungen über den gesamten Landkreis verteilt mehr als 1.300 Menschen betreut und gegenüber vielen Angehörigen Verantwortung trägt. „Da muss doch irgendein Politiker mal aufwachen und sich da mal blicken lassen! Mich fragte mal jemand in einem Interview“, erinnert sich Thiele, „ob ich mich bereits daran gewöhnt habe, dass sich Politiker nicht für uns interessieren. Und das ist das Dumme: Man gewöhnt sich daran. Was mich aber wirklich ärgert: Einige sind schon seit zehn Jahren in der Politik und haben das immer noch nicht begriffen; interessieren sich auch nicht dafür.“ Letztlich kann man das Interesse nicht erzwingen. Solange es nur darum geht, ein Pressebild abzugreifen, um sich selbst zu reproduzieren, werden öffentlichkeitswirksame Termine eine Farce bleiben. Wer sich jedoch interessiert, an Projekten mitwirkt und dafür begeistern kann, dass sich Leute um eine positive Weiterentwicklung kümmern, ist mit Herz und Seele dabei. Doch dafür muss man raus aus der Politik-Enklave, raus aus der Blase und nicht mehr nur auf Einladungen reagieren. Sondern sich auch jenseits vom Wahlkampf um die Belange der Wählerinnen und Wähler kümmern. Wie sehr Ralf Thiele dieses Thema umtreibt, merke ich an seiner Stimme.

Ihm ist, wie er betont, durchaus bewusst, dass er mit seiner Kritik und seinem Veränderungswillen auch Menschen auf die Füße tritt. Weil einige aus Bequemlichkeit lieber den Stress mit der Bevölkerung aushalten, als etwas zu verändern, zu verbessern. Er jedoch stehe nicht dafür, dass es keinen Stress gibt. Er steht für Themen, hat eine Haltung. Und die ist ziemlich klar. Den Weg in die aktive Politik hat sich Ralf Thiele bisher bewusst offen gehalten. Aber die Zeit war nie reif dafür, erklärt er auf meine Frage, warum er nicht längst in Amt und Würden sei. Doch das heißt nicht, dass er keinerlei Erfahrungen hat: Fünf Jahre lang war er im Pirnaer Stadtrat und hat dort gelernt, wie wichtig ein ehrgeiziges und arbeitswilliges Umfeld ist. Ob es ihn manchmal auch verletzt, dass man ihn als unbequem empfindet, frage ich ihn. Er lacht, schüttelt selbstsicher den Kopf. „Nö, das verletzt mich überhaupt nicht. Wenn man Verantwortung lebt, sich äußert, kritisiert und fordert, muss man auch im Gegenwind stehen können. Auch mit Verbalattacken kann ich ganz gut umgehen, weil ich das einordnen und differenzieren kann.“

Im Leben ist nichts Zufall, wenn man seine Erfahrungen entsprechend nutzt. Vom Sportler zum Unternehmer und ehrenamtlichen Strippenzieher – vorgezeichnet war dieser Weg sicher nicht. Auf die Frage, wie er all das schafft, wiederholt er seine Aussage von vorhin: Indem er sich mit Menschen umgibt, die ebenso an seine Ideen glauben, wie er selbst. Aber auch sein Tag hat nur 24 Stunden, die es entsprechend aufzuteilen gilt. „Ich finde es total ätzend, wenn Leute sagen, dass sie 60 oder 80 oder 100 Stunden arbeiten. Ich kann es für mich nicht sagen, weil ich es nicht aufzeichne. Schon deshalb nicht, weil es zu keinem Ergebnis führt. Ich bin wie jeder Selbständige 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche mit meinem Kopf irgendwo unterwegs. Das ist für mich Arbeit, aber entweder man brennt für eine Aufgabe, oder man lässt es. Mit der Lebenshilfe verbinde ich keine persönliche berufliche Perspektive. Sondern ich will, dass der begonnene Weg weiter geht. Was zum Beispiel die Themen Personal, Strukturentwicklung, wirtschaftliches Know-how, Effizienzsteuerung, Image und Wirkung in die Politik angeht, sind wir noch nicht am Ziel.

Letztlich bin ich ‚nur‘ der Vorturner, der Menschen um sich herum braucht, die so einen Laden auch mitführen können. Das habe ich, deswegen macht mir das auch Spaß. Aber es ist nicht so, dass ich sagen könnte, ich schaffe das in drei Stunden und mache dann einen Haken dran.“

Er ist wie ich. Oder bin ich wie er? Sind wir vom gleichen Schlag oder beide Kinder einer Zeit, die heute längst vergessen scheint?

Ehrenamtliches Engagement ist unverzichtbar. Ehrenamtliches Engagement ist unverzichtbar. Aber dafür braucht es Menschen, die nicht ständig auf die Uhr schauen. Die ihren Tag auch noch geregelt bekommen, wenn ein Termin überzogen wird und schnell neu geplant werden muss. Ich bin sicher, dass der Blick in Ralf Thieles Terminkalender auch ein Blick auf ein bis zum Anschlag vollgepacktes Leben ist. Er selbst hadert nicht damit: „Ich habe in dem Sinne keine Sorgen und Nöte. Die eigenen Dinge verblassen, wenn man das hier sieht. Wenn jeder etwas von sich abgibt und sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten zur Verfügung stellt, wird es für alle besser. Mir ist menschliche Nähe wichtig. Man kann unterschiedliche Meinungen haben, es darf auch mal etwas in die Hose gehen. Man muss sich auch mal einen Fehler erlauben dürfen, das ist wichtig. Aber wenn wir unsere Leistungen nicht positiv verkaufen, können wir den Laden zu machen“.

Damit es nicht so weit kommt, mache ich mich jetzt auf den Weg zurück nach Dresden. Sobald ich da bin, werde ich mir und einigen meiner Kollegen ein weiteres, schnödes Kästchen in die Terminkalender eintragen. „Betreff: Lebenshilfe. Wir müssen sprechen.“

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

nächste Geschichtenächste Geschichte