Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Artikel 1, Grundgesetz

 

Nur ein halbes Jahr, nachdem die Vereinten Nationen in einer Resolution die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedeten, wurde dieser kluge, weitsichtige Satz als erster in unserem Grundgesetz verankert. Das war 1949. Seitdem legt dieser Satz den Maßstab fest, wie wir miteinander leben, miteinander umgehen, wie wir einander begegnen: Mit Würde. Ganz gleich, wie wir aussehen, woher wir kommen, an was wir glauben oder welches Geschlecht wir haben. Wir alle sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Wir alle sind mit Vernunft und Gewissen begabt.

Das zumindest gesteht uns Artikel 1 der UN-Menschenrechtscharta zu. Verbunden mit dem Appell, uns im Geiste der Brüderlichkeit zu begegnen. Man muss kein Philosoph sein, um zu verstehen, was die Verfasser damit sagen wollten. Man muss die Abgründe menschlicher Fähigkeiten nicht erlebt haben, um zu verstehen, dass gegenseitiger Respekt für ein friedliches Miteinander unabdingbar ist. Und trotzdem passiert es Tag für Tag – wir sprechen anderen ihr Gewissen, ihre Vernunft, ihre Rechte, ihre Würde ab. Wir vernetzen uns mit der Welt, globalisieren Märkte, sind besessen von Effizienz. Höher, schneller und weiter soll es gehen. Wir streben nach mehr Möglichkeiten, mehr Sicherheit, mehr Selbstverwirklichung.

Doch auf dem Weg zum „bestmöglichen Ich“ entwickeln wir uns zu Egomanen. Ist diese Form der Gesellschaft eine, in der wir alle gern leben? In der die Würde des Menschen unantastbar ist? In der der Geist der Brüderlichkeit lebt? Wir haben ein wirtschaftlich stabiles Land erschaffen, das weltweiten Krisen trotzt. Doch der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch. Denn wir haben auch ein Land erschaffen, in dem die Landwirtschaft ebenso durchökonomisiert ist, wie die Bildung oder das Gesundheitswesen. Wer darunter leidet, sind Menschen. Vor allem diejenigen, die bisher am Rand der Gesellschaft standen. Es leiden aber auch diejenigen darunter, die für diese Menschen da sind. Aus Überzeugung, mit Herzblut und Mut.

Wir haben in den vergangenen Wochen mit vielen Menschen gesprochen, die sich bis zur Belastungsgrenze 
– und oft weit darüber hinaus – für andere aufopfern. Doch kein einziger von ihnen hat auch nur ansatzweise gejammert. Wenngleich das nicht heißt, dass es nichts zu kritisieren gibt. All die Menschen, die wir bei unserer Arbeit für die Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital kennenlernen durften, verdienen unseren allergrößten Respekt.

Denn sie machen einen der wichtigsten, ehrenwertesten Jobs überhaupt: Sie sorgen sich um diejenigen in unserer Gesellschaft, für die es nicht immer höher, schneller und weiter geht. Sondern die Zeit brauchen. Denen Geduld mehr hilft als Effizienz, Mitgefühl mehr als Mitleid, Respekt mehr als Verordnungen. Lassen Sie uns also dafür sorgen, dass Inklusion auch wirklich gelingen kann. Indem wir Pflegedienstleitern, Sucht-, Ergo- und Physiotherapeuten, Logopäden, Heil- und Sozialpädagogen, Sozialarbeitern und -assistenten, Heilerziehungspflegern, Erziehern, Krankenschwestern, Kranken-, Alten- und Kinderpflegern, Alltagsbegleitern und den vielen vielen Menschen, die in dieser Aufzählung noch fehlen, mit Respekt für das, was sie tagtäglich für unsere Gesellschaft leisten, begegnen.

Indem wir uns in ihrem Namen dafür stark machen, die für ihre Arbeit entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Indem wir uns jeden Tag daran erinnern, wofür all diese Menschen Tag für Tag arbeiten. Nämlich daran, dass die Würde des Menschen unantastbar bleibt.