Menschen mit Behinderung sind Menschen mit Stärken und Schwächen. Wie du und ich. Mitmenschen.

Stefanie Rittig

Heilerziehungspflegerin in der
Wohnstätte „Sonnenhof“ Lohmen
im Gespräch mit Katrin Fischer

Babsi liegt da, als ob sie all das nichts anginge. Scheinbar teilnahmslos verfolgt sie das Treiben um sie herum. Welcher Wochentag heute ist, interessiert sie herzlich wenig. Muss sie auch nicht, denn für sie ist es ein Tag wie jeder andere, den sie als Katze hier auf dem Sonnenhof Lohmen verbringt. Für die Bewohner hingegen ist heute etwas anders: Besuch ist im Haus, fremder noch dazu. Meine Anwesenheit bleibt nicht unbemerkt, so sehr ich mich auch bemühe, den Tagesablauf nicht durcheinander zu bringen. Dass Menschen mit Behinderung in einigen Punkten ein anderes Leben führen als ich, weiß ich. Schließlich zählen einige zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Es sind Menschen, die ich ganz besonders in mein Herz geschlossen habe, für deren Bedarfe ich mich jeden Tag aufs Neue gern einsetze. Als Privatmensch genauso, wie auf Arbeit.Während ich sonst regelmäßig in Ministerien und Unternehmen dafür kämpfe, Inklusion weiter als bis zur nächsten Rollstuhlrampe zu denken, bin ich heute im Sonnenhof Lohmen verabredet. Doch ich werde hier weder mit einem Staatssekretär noch mit einem Mitarbeiter der Öffentlichkeitsarbeit sprechen und mir zeigen lassen, dass „doch eigentlich schon viel getan wird und erreicht wurde.“ Denn ich weiß aus vielen Gesprächen, dass es Missstände in der Pflegebranche gibt. Und niemand könnte sie ehrlicher beschreiben und ihre Auswirkungen konkreter benennen als jemand, der damit Tag für Tag zu kämpfen hat. So jemand ist Stefanie Rittig, stellvertretende Gruppenleiterin in der Wohnstätte Sonnenhof Lohmen – einer Einrichtung der Lebenshilfe Pirna-Sebnitz-Freital.

Sie hat zugesagt, mir einen Einblick in ihren Alltag zu gewähren. Sie nimmt sich Zeit für mich, um nicht nur ein Gespräch zwischen Tür und Angel zu führen. Wie schwierig das mitunter sein kann, bemerke ich bereits jetzt. Denn für ihre Bewohner ist sie eine Bezugsperson, die immer dann hilft, wenn Hilfe gebraucht wird. „Ich bin sofort da“, sagt sie, nachdem wir uns begrüßt und kurz vorgestellt haben. „Ich muss nur noch schnell Zigaretten austeilen, danach wird es etwas ruhiger.“

Zigaretten an Menschen mit Behinderung austeilen, wundere ich mich für einen Augenblick. Das heißt, das einige der Menschen hier, Menschen mit Behinderung, rauchen. Viel mehr als über diese Tatsache wundere ich mich allerdings darüber, dass ich verwundert bin. Wieso denn nicht?, korrigiere ich mich in Gedanken. Wieso sollten sie nicht rauchen? Für sie ist es genauso ungesund wie für mich, aber auch genauso wenig verboten.

Ich nutze die Zeit, um mich ein wenig umzusehen. Schon von draußen hat der Sonnenhof seinem Name alle Ehre gemacht: die Sonne scheint und setzt das Gebäude-Ensemble farbenfroh in Szene. In seiner Anordnung erinnert es mich tatsächlich an einen Dreiseitenhof, das gegenüberliegende Feld tut sein Übriges. Irgendwie idyllisch kommt mir in den Sinn, als ich mit meinem Blick auch meine Gedanken schweifen lasse. Der Pflegenotstand hat sich ein bezauberndes Fleckchen Erde gesucht, um sein Unwesen zu treiben. Der Pflegenotstand hat sich ein bezauberndes Fleckchen Erde gesucht, um sein Unwesen zu treiben.

„Nach dem Mittagessen ist es immer ein wenig turbulenter hier“, kommt Stefanie schon fast entschuldigend auf mich zu. „Sie wollen dann ihre Zigaretten haben, aber wenn ich ihnen alle geben würde, würden sie sie auch alle auf einmal rauchen. Und das geht ja nicht.“ Ich verstehe das vollkommen, stelle mir – und auch Stefanie – in diesem Kontext eine Frage: „Das heißt, Rauchen ist hier nicht verboten oder Nichtraucher zu sein eine Bedingung, um hier wohnen zu können?“ Sie schüttelt den Kopf, während sie antwortet: „Nein. Hier ist das Zuhause der Bewohner, wir sind hier nur zu Gast. Wir begleiten sie im Alltag und nehmen nur das ab, was sie wirklich nicht alleine können. Wenn sie etwas nicht möchten, dann ist das ok. Sie können eigene Entscheidungen treffen und das sollen sie auch. Ich entscheide zuhause ja auch, was ich möchte und was nicht. Wir wollen schließlich auch nicht, dass uns jemand kontrolliert und alles für uns entscheidet.“ Es freut mich, das zu hören. Denn mit dieser Aussage hat Stefanie ihr – und auch mein – Grundverständnis beschrieben. Sie ist hier zu Gast – so wie ich gerade auch – bei den Bewohnern.

Im Mittelpunkt sollte immer das stehen, was ihnen gut tut. „Selbstbestimmung ist bei uns wirklich sehr wichtig“, unterbricht sie meine Gedanken. „Wenn die Bewohner zum Beispiel nach Mitternacht noch raus gehen und eine Zigarette rauchen wollen, dann können sie das machen. Ich sage ihnen dann, dass sie selbst entscheiden und merken müssen, ob ihnen der Schlaf fehlt.“ Feste Schlafenszeiten, das leite ich daraus ab, gibt es hier nicht. Stattdessen ein tatsächlich weitestgehend selbstbestimmtes Leben. Auch das erfreut mich. Immerhin ist auch das ein Punkt, der unter dem Stichwort Inklusion zu finden ist. Doch zu einem geregelten Tagesablauf gehört es auch, Rituale zu pflegen. Unter der Woche zu einigermaßen gleichen Uhrzeiten aufzustehen, den Start in den Tag mit einem Kaffee zu beginnen oder nach Feierabend noch die Tageszeitung zu lesen. Ich frage Stefanie, ob das hier auch so ist oder ob die Bewohner hier jeden Tag ausschlafen können. „Nein, das nicht“, antwortet sie sichtlich amüsiert. „Das kontrollieren wir dann schon.

Aber die meisten stehen von selbst pünktlich auf, wenn sie in die Werkstatt, also auf Arbeit, müssen.“ In der Werkstatt, das weiß ich bereits, werden alle möglichen Sachen gefertigt. Leider wird das in der Öffentlichkeit viel zu wenig oder nur verzerrt wahrgenommen. Die Vorstellung, dass in Werkstätten für Menschen mit Behinderung lediglich Schräubchen sortiert, Kugelschreiber zusammengesetzt oder Aschenbecher getöpfert und bemalt werden, hält sich hartnäckig.

Warum ist das so? Natürlich ist es nicht falsch, aber eben auch nur ein Bruchteil dessen, was geleistet wird. Wieso sind so viele Menschen, mit denen ich spreche, immer wieder erstaunt darüber, dass Menschen mit Behinderung Teile für die Automobilindustrie fertigen? In Erstausrüsterqualität, versteht sich. Spricht aus Angst vor einer öffentlichen Diskussion niemand gern und erst recht nicht öffentlich darüber? Liegt es daran, dass zwischen der Aussage ‚Hier sieht man, dass Menschen mit Behinderung sehr wohl ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind‘, der vorwurfsvollen Frage ‚Erfüllen diese Produkte dann überhaupt die Qualitätsansprüche?‘ und dem konkreten Vorwurf ‚Jetzt werden schon die Schwächsten unserer Gesellschaft ausgenutzt, damit Großkonzerne Gewinn machen können‘ nur ein schmaler Grad liegt? Die Wahrheit wird irgendwo in der Mitte liegen, erfordert aber die gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Ob denn alle Bewohner arbeiten gehen, möchte ich von Stefanie wissen. Sie verneint und erwähnt eine Bewohnerin, für die die Arbeit in der Werkstatt momentan noch zu anstrengend wäre, die aber ganz langsam darauf vorbereitet wird, diesen Schritt doch irgendwann gehen zu können. Dass sie mit der Bezahlung der Bewohner ebenso unzufrieden ist, wie ich, erwähnt sie ebenfalls. Allerdings sieht sie das nicht nur unter dem Punkt der Gleichbehandlung, sondern auch unter einem ganz praktischen Punkt. „Unsere Bewohner bekommen für ihre Arbeit nicht viel Geld und können so kaum sparen. Das müssten sie aber, um sich auch mal selbst einen Wunsch erfüllen zu können. Einen eigenen Fernseher zu haben, zum Beispiel. Das wünschen sich viele, ist aber nicht machbar. Und das ist unfair.“

Babsi hat sich mittlerweile aufgerafft, ihre Liegematte verlassen und schleicht durch den Gruppenraum. Vorbei an der Fernsehecke, die wie in einem Wohnzimmer – typisch deutsch – aus einer Anbauwand und einem gemütlich wirkenden Sofa besteht. Direkt dahinter, in den Raum hinein, stehen Tische und Stühle, an denen man essen kann. An der Wand neben dem Durchgang zu einem anderen Teil des Gebäudes steht eine Küchenzeile, der es auf den ersten Blick an nichts fehlt. Auf den zweiten auch nicht. All das ist Babsis Revier; vor allem aber das Zuhause der Bewohner des Sonnenhofes, die natürlich noch eigene – für mich verschlossene – Zimmer haben. Aus einem dieser Zimmer kommt Marcel*. Mit Löchern in beiden Socken, ohne Hausschuhe, ungekämmt. Für mich ist das herrlich normal, weil es zeigt, dass er hier wohnt und das auch bedeutet, sein zu können, wie er ist. Auch ich liebe es, zuhause mit strubbeligem Haar herumzulaufen oder verregnete Tage am Wochenende spontan zu Pyjama-Tagen zu erklären. „Marcel“, ermahnt Stefanie ihn dennoch, „du hast keine Hausschuhe an und Löcher in den Socken!“ Etwas beschämt schaut er auf seine Füße, stimmt zu und kehrt zurück in sein Zimmer. „Hier ist es wirklich wie in einer Familie“, wendet sie sich mir zu. „Wir machen Späße, loben, aber schimpfen auch mal. Für mich sind meine Jungs meine zweite Familie. Wir nehmen sie mit ihren Schwächen und Stärken an und das Gleiche machen sie auch mit uns. Das finde ich schön, und die Menschen hier sind wirklich sehr dankbar. Das fasziniert mich immer wieder.“ 

Dankbarkeit, denke ich mir, ist ein sehr kostbares Gut. Es anderen Menschen entgegenzubringen scheint uns in der Gesellschaft zunehmend schwerer zu fallen, aber hier gibt es sie noch.

Stefanie steht auf, um einen Kaffee anzusetzen. Nicht für sich, sondern für die Bewohner. Sie trinkt, wie sie sagt, keinen Kaffee, raucht nicht und setzt grundsätzlich viel daran, fit und gesund zu bleiben. Ich frage sie, ob die Faszination, fast schon Begeisterung, für die Menschen hier der Grund war, den Job zu machen. „Anfangs wollte ich Erzieherin werden, habe durch die Ausbildung zum Sozialassistenten diesen Bereich richtig kennengelernt. Schon beim ersten Praktikum habe ich gesagt: Das ist es! Das möchte ich für den Rest meines Lebens machen! So, wie meine Mama das macht und auch mein Freund. Wir machen alle das Gleiche und können uns so auch austauschen und voneinander lernen.“ „Was sagt dein Freundeskreis zu deinem Job?“, interessiert mich. Denn meiner Erfahrung nach finden es die meisten Menschen toll, wenn man im sozialen Bereich tätig ist. Aber eine konkrete Vorstellung davon, was man eigentlich macht, haben die wenigsten. Ich will mich da keinesfalls ausschließen, auch wenn ich eventuell mehr Berührungspunkte zu Menschen mit Behinderung habe, als einige in meinem Bekanntenkreis. „Meine Freunde haben schon Respekt. Und sagen immer mal wieder, dass sie meinen Job nicht machen könnten. Sie sehen halt den Menschen und seine Behinderung, mehr aber auch nicht.

Ich glaube, sie können sich einfach nicht vorstellen, wie die Arbeit ist. Eine Freundin von mir arbeitet hier in Lohmen in der Apotheke und kennt ein paar Bewohner. Sie sehen halt den Menschen und seine Behinderung, mehr aber auch nicht. Ich glaube, das ist ein großes Problem. Nicht nur von meiner Freundin, sondern der Gesellschaft. Wie schön die Arbeit ist, sieht fast niemand.“ Sie wirkt traurig, was ich nachvollziehen kann. Viel zu oft erlebe auch ich, dass Arbeit immer noch als etwas zu gelten hat, das keinen Spaß macht. Maloche, wie man vor allem im Ruhrgebiet gern dazu sagt. „Was mich aber auf die Palme bringt, sind Vorurteile. ‚Das sind Behinderte, die können eh nix‘ ist so ein typischer Satz, den ich immer wieder höre. Aber er stimmt ja nicht. Selbst Schwermehrfachbehinderte können so Vieles. Nur halt auf ihre eigene, persönliche Art. Aus meinem Herzen heraus würde ich auch nicht mehr von Menschen mit Behinderung sprechen. Sondern von Mitmenschen. Es sind Mitmenschen wie du und ich.“

Der Kaffee ist fertig, von Marcel keine Spur. Er ist immer noch in seinem Zimmer. Stefanie fragt mich während sie zur Küchenzeile geht, ob ich auch einen trinken möchte. Ich beantworte die Frage mit ja, sehr gern. Sie nimmt eine Tasse aus dem Schrank, schenkt Kaffee ein. Ich begebe mich die wenigen Meter zu ihr, so dass wir unser Gespräch in angemessener Lautstärke fortführen können. Von hier aus kann ich in das kleine Büro gucken, dass sich Stefanie mit ihren Kollegen teilt. Als ich während meiner Wartezeit einen Blick hineinwerfen konnte, war ich von der Größe, oder eher Nicht-Größe, ein wenig überrascht. An der Tür standen soweit ich mich erinnere fünf Namen, es gab aber nur einen Arbeitsplatz. Daraus schließe ich, dass man als Betreuer in dieser Einrichtung die überwiegende Zeit außerhalb verbringt. Überwiegend sind es die Schreibtage, an denen sie konzentriert Entwicklungsberichte schreiben kann, in denen sie im Büro ist, verrät mir Stefanie. Ich frage sie, wie diese Einrichtung personell besetzt ist. „Insgesamt sind wir 22 Kollegen, davon 18 Betreuer, die auf drei Schichten aufgeteilt sind. Die Besonderheit ist im Haus 2, dass immer zwei Betreuer im Dienst sein müssen. Es klingt also nach viel Personal, aber wenn mal jemand krank wird, während jemand anderes im Urlaub ist, wird es eng. Wenn wir dann für jemanden einspringen müssen, leiden natürlich auch die Bewohner darunter, weil wir weniger Zeit für sie haben.“

Sich Zeit füreinander zu nehmen, schweife ich kurz in Gedanken ab, ist auch eine der Sachen, die uns langsam abhanden zu kommen scheinen. Vor meinem geistigen Auge gehe ich zwangsläufig meinen Kalender durch. Alles hat irgendwie einen Termin. Und irgendwie muss auch alles einen Termin haben. Aber ist das wirklich so? Funktioniert unser Leben nur noch, wenn wir es auf Stunden und Minuten genau im Voraus planen? Weil wir vermeiden wollen, von irgendetwas – was auch immer – überrascht zu werden? Noch viel paradoxer: Wieso planen wir uns Freizeit ein? Sollte das nicht die Zeit sein, die wir frei zur Verfügung haben? Für unsere Liebsten, zum Beispiel.

Zeit wird zum Luxusgut, das wir nicht mehr jedem uneingeschränkt zur Verfügung stellen. Stefanie und ihre Jungs, wie sie ihre Gruppe nennt, sind ein Beispiel dafür. Doch auch wenn sich der Personalmangel in der Pflegebranche hier auf dem Sonnenhof Lohmen gut versteckt, gibt es ihn. Das merkt man spätestens, wenn man mit jemandem wie Stefanie spricht. Das hat man mittlerweile auch in der Politik registriert. Doch was fehlt, sind sichtbare Fortschritte. Wenn ich Stefanie reden höre, kann ich auch nicht unterschreiben, dass der Grund unattraktive Jobs sind. Er macht ihr Freude, hat sie vorhin gesagt. Hier ist ihre zweite Familie, sie fühlt sich wohl. Das Problem des mangelnden Nachwuchses scheint ein anderes zu sein. „Hast du denn eine Ahnung, warum sich nicht mehr junge Menschen dazu entscheiden, so einen Job wie du zu machen?“ möchte ich gern von ihr wissen. Denn wer Probleme lösen will, muss zuhören. Denen, die sie haben. Sie zögert kurz, antwortet dann aber bestimmt: „Ich habe während meiner Ausbildung gespürt, dass die Klassen mit jedem Jahr kleiner wurden. Das letzte Ausbildungsjahr haben nur noch sechs Leute begonnen.“ Ausbildungsabbrecher, denke ich mir, haben immer einen Grund. „Hast du eine Idee, warum die anderen aufgehört haben?“, frage ich Stefanie. „Habe ich: Man muss fünf Jahre lang die Schulbank drücken, Schulgeld bezahlen und arbeitet am Ende in einem Drei-Schicht-System. Ich denke, dass das Einige abschreckt. Dabei hat das natürlich auch Vorteile, die man nur zu nutzen wissen muss. Aber viel schlimmer ist es, dass man eine fünfjährige Ausbildung selbst finanzieren muss. Zwei Jahre dauert die Ausbildung zum Sozialassistenten, die als Vorausbildung Pflicht für den Heilerziehungspfleger ist. Ich hatte Glück und habe Bafög bekommen, aber ich kenne auch Leute, denen das Amt gesagt hat, sie sollen doch ihre Eltern auf Unterhalt verklagen.“ Ich spüre, wie Wut in mir aufkommt. Darauf, dass wir über solche Forderungen hinweg vom Sozialstaat sprechen. Gleichzeitig aber denjenigen die Unterstützung der Gemeinschaft – nichts anderes ist der Staat – versagen, sich für andere Menschen einsetzen zu können. Ich bin auch noch nie verärgert nach Hause gegangen, nur geschafft.

Wir wünschen uns von unseren Kindern, dass sie sich sozial engagieren und einen ehrenwerten Beruf erlernen. Wir sprechen davon, dass ein Beruf bestenfalls von Berufung kommt. Wir sprechen vom Sozialstaat, von Inklusion und unserer Verantwortung gegenüber denjenigen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Aber wir führen das System aus monetären Gründen ad absurdum. Können wir es uns angesichts des überall zu hörenden Fachkräftemangels überhaupt leisten, der Verbesserung im Weg liegende Steine nicht wegzuräumen? „Du hast durchgehalten und deine Ausbildung durchgezogen. Trotz der Widrigkeiten“, erkenne ich ihre Willenskraft an. „Hast du es jemals bereut?“ Stefanie schüttelt den Kopf, verneint. „Ich habe damals immer zwei Wochenenden im Monat hier gearbeitet. Seit 1. August 2018 bin ich Vollzeit hier. Ich bin für zwei Jahre Gruppenleiterin und habe vor, auch die nächsten Jahre noch hier zu bleiben. Bald mache ich noch eine Ausbildung zur Praxisanleiterin, um Praktikanten richtig und effektiv anleiten zu können. Aber bereut habe ich meine Entscheidung noch nie. Ich bin auch noch nie verärgert nach Hause gegangen, nur geschafft.“

Die Tür eines Zimmers geht auf, Marcel kommt raus. Fast schon ungläubig gucken Stefanie und ich uns an. Er trägt zwar immer noch keine Hausschuhe, aber Socken ohne Löcher. Außerdem eine frische Hose und ein frisches Hemd. Auch die Haare hat er sich gekämmt. Die Freude darüber ist Stefanie ins Gesicht geschrieben, meine verberge ich auch nicht. Voller Stolz erzählt er uns, dass er beim Bowling einen Pokal gewonnen hat. Zu erleben, wie jemand offen und voller Freude von persönlichen Erfolgserlebnissen berichtet, berührt mich. Es sind Momente wie dieser, die ihr Dasein im Schatten der Diskussion um Pflegestufen und Finanzierungsprobleme fristen müssen. Mehr denn je ist es mir ein Herzensanliegen, Respekt und Toleranz gegenüber Menschen mit Behinderung und denen, die für sie da sind, einzufordern. Ich versuche mich in einem Rollentausch, will wissen, was Stefanie einem Politiker oder Entscheider gern sagen würde. „Dass es nicht immer nur ums Geld geht. Wir wollen nicht verschwenderisch sein, aber müssen hier mit einem Betrag X pro Kopf klarkommen. Das hindert uns daran, den Menschen auch etwas Gutes zu tun und schöne Erlebnisse zu ermöglichen. Zum Beispiel haben wir ein Budget, um Taxifahrten bezahlen zu können. Ist das alle, ist es alle. Dann können wir auch keine Ausflüge mehr machen. Aktuell schaffen wir nicht mal mehr einen pro Monat.“ Welch freudige Erlebnisse diese Ausflüge sind, konnte ich vorhin bereits erahnen. Denn im Zwischengang hängen selbst gebastelte Poster, auf denen Fotos aufgeklebt sind, die während der Ausflüge entstanden sind. Eine Dampferfahrt gab es, laut der Texte unter den Bildern für alle ein Highlight. Dass solche einfachen Freuden nicht zu realisieren sind, erschüttert mich. „Aber die Bewohner müssen auch mal hier raus. Wir haben zwar aller zwei Wochen die Musiktherapie hier, haben einen hauseigenen Kiosk, Physiotherapie, machen Spiele und gehen spazieren. Wir ermöglichen unseren Bewohnern einen strukturierten Tagesablauf, aber sie müssen auch mal raus. Sie müssen mal etwas anderes sehen. Man kennt das ja von sich selbst. Und auch wir können dann etwas mehr entspannen, weil wir sehen, dass es unseren Bewohnern gut geht.Aber die Bewohner müssen auch mal hier raus.

Lagerkoller, kommt mir in den Sinn, nennt man dieses Phänomen. Nichts, was Begeisterung auslöst sondern tatsächlich stark an den Nerven zehrt.

„Im Sommer ist Praktikanten-Zeit, da geht das wieder besser. Aber wenn keine Praktikanten da sind, fehlt nicht nur Geld, sondern auch Personal. Ich würde mir aber auch wünschen, dass manche Sachen schneller bewilligt werden. Eine unserer Bewohnerinnen hier ist an Demenz erkrankt und hat einen Rollstuhl benötigt. Den hat sie allerdings erst nach dem zweiten oder dritten Antrag bewilligt bekommen. Da es mit Laufen zwischenzeitlich gar nicht mehr ging, mussten wir mit dem Rollstuhl der Lebenshilfe aushelfen, der natürlich nicht nur für einen alleine da sein kann.“

Nach und nach kommen immer mehr Bewohner aus ihren Zimmern, wollen einen Kaffee trinken. Das sorgt für ein wenig mehr Trubel als in den letzten Minuten, füllt den Raum aber auch wohltuend mit Leben. Apropos: „Von wann bis wann kann man hier wohnen? Gibt es Mindest- oder Höchstalter?“ möchte ich von Stefanie wissen. „Man darf mit frühestens 18 hier einziehen. Einfach aus dem Grund, dass Kinder und Jugendliche bis zum Erwachsenenalter in anderen, spezialisierten Einrichtungen besser aufgehoben sind. Aber nach oben ist keine Grenze gesetzt. Man kann also bis zum Lebensende hier bleiben. Wer von den Bewohnern fit genug ist, kann in der Werkstatt arbeiten und bekommt eine externe Tagesstruktur. Einer unserer Bewohner ist hier auch schon wieder ausgezogen – in eine eigene Wohnung. Für alle, die nicht so fit sind, dass sie arbeiten gehen können, gibt es die interne Struktur. Sie ist auch für diejenigen gedacht, die im Rentenalter sind und nicht mehr arbeiten gehen müssen. Man kann bei uns aber zwischen den einzelnen Strukturen wechseln und umziehen.“ Der jüngste Bewohner ist 19 Jahre alt, erzählt sie mir. Das führt mich zu einer Nachfrage: „Haben die Bewohner hier ihre Behinderung von Geburt an oder…?“ Sie unterbricht mich, schüttelt den Kopf. „Nein, wir haben hier auch Bewohner, die erst im Laufe ihres Lebens mit der Behinderung konfrontiert wurden.

Einer unserer Bewohner zum Beispiel hatte ein ganz normales Leben. War ausgebildeter Koch, hatte Frau und Kind, einen Führerschein. Dann hat man bei ihm einen Gehirntumor festgestellt und jetzt wohnt er hier.“ 

Das Schicksal ist manchmal auch ein Arschloch, denke ich mir. Und es kennt weder Gnade noch macht es Halt vor irgendjemandem. Es könnte morgen auch mich treffen.

Während ich darüber nachdenke, macht sich ein flaues Gefühl in meinem Magen breit. „Dass er mal Koch war“, fährt Stefanie fort, „merkt man jetzt noch. Er fragt immer, ob er etwas schnippeln kann und wenn man ihm dann die Sachen hinlegt, findet er es schön, wenn man wieder geht und er in Ruhe alles machen kann.“ Etwas von seinem alten Leben scheint also noch da zu sein. Aber was konkret? Er hatte Frau und Kind, hat Stefanie erzählt. „Bekommt er Besuch, von seiner Frau, seinem Sohn?“, frage ich nach. „Von seinen Eltern“, antwortet sie. Es ist, als würde mir jemand mit voller Wucht in den Magen schlagen. 

Von der Frau kein Wort. Wo ist sie hin? Hat sie ihn verlassen? Konnte sie nicht damit leben, dass von dem Menschen, den sie mal geliebt, mit dem sie ein gemeinsames Kind hat, nicht viel übriggeblieben ist? Ist das das Schicksal, das einen ereilt, wenn eine Behinderung die Folge eines nicht geplanten Ereignisses ist? Wird man dann aufs emotionale Abstellgleis gestellt? Oder gibt man einen geliebten Menschen in liebevolle Hände, vertraut darauf, dass sie sich besser kümmern können, als man selbst je könnte? Aber wenn dem so ist, wieso fährt man diesen Menschen nicht besuchen? Weil es schwerfällt, sich der Situation zu stellen? Weil man sich über kurz oder lang auseinanderlebt und irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr zu sagen hat?

„Es gibt Bewohner, die werden regelmäßig besucht. Oder alle zwei Wochen mal mit nach Hause genommen. Es gibt aber auch welche, die bekommen gar keinen Besuch mehr. Entweder, weil sie keine Angehörigen mehr haben, oder weil …“ Ich merke, dass sie den Satz nicht vollenden kann. Wie sie mit den Tränen ringt, wie nahe ihr das Schicksal ihrer Bewohner geht. Was mir gerade noch durch den Kopf ging, scheint plötzlich bittere Wahrheit zu sein. Sie muss es nicht aussprechen, ich verstehe auch so, was sie sagen will. Ohne Menschen wie Stefanie wären es einfach nur Häuser, in denen wir Menschen mit Behinderung vor uns und unserem Gewissen verstecken könnten.

Die Wohnstätte Sonnenhof Lohmen liegt idyllisch in der Sächsischen Schweiz. Von außen ist nicht zu erkennen, mit welchen Problemen Bewohner und Betreuer hier gleichermaßen zu kämpfen haben. Doch ganz egal, in wie fröhlichen Farben wir Pflegestätten streichen, wie wohlgefällige Namen wir ihnen geben oder wie wohnlich wir sie einrichten: Ohne Menschen wie Stefanie wären es einfach nur Häuser, in denen wir Menschen mit Behinderung vor uns und unserem Gewissen verstecken könnten. Aber ich weiß, dass der Pflegenotstand sie selbst hier findet. Und schon allein das ist mir Ansporn genug, mich weiterhin für sie einzusetzen. Und mit jedem weiteren Mitstreiter wird auch Stefanies Stimme lauter. So tun, als ob sie das alles nichts angeht, steht nämlich nur einer zu: Babsi.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

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