Wir leben hier in einer Märchenwelt. In der meine Probleme nichts zu suchen haben.

Swetlana Jeron

Krankenschwester in der
Wohnpflegestätte „Haus Gottleubatal“ in Pirna
im Gespräch mit Michael Weißflog

Es war früh am Morgen, der Weg hierher war anstrengend. Trotz Navigationssystem eine kleine Odyssee, auf der die Straßen immer enger zu werden schienen. Pirna-Neundorf liegt am Rande der Welt, aus der ich komme. Hier stehen keine nüchternen Plattenbauten dicht an dicht, sondern Einfamilienhäuschen mit gepflegten Vorgärten und ausreichend Abstand zueinander. Ab und zu entdeckt man sogar noch ein Haus in Fachwerk-Bauweise. Urlaub – für mich sieht es hier nach Urlaub aus. Alles wirkt ruhig, aufgeräumt, unspektakulär. Auch das Haus Gottleubatal passt so gut ins Bild, dass ich beim ersten Mal direkt daran vorbei gefahren bin. Wenden, zurück, neuer Anlauf. Ein Parkplatz am Straßenrand verschaffte mir eine dringend benötigte Minute mehr Zeit. Trotzdem waren es noch ein paar Meter zu Fuß, bummeln war also nicht drin. Ich vermisste mein Bett. Wirklich. Der Kaffee, den ich mir heute morgen noch schnell besorgt hatte, war alle, konnte die Müdigkeit nicht besiegen. Froh, es pünktlich geschafft zu haben, öffnete ich einigermaßen verschlafen die gläserne Eingangstür. Und war mit einem Schlag hellwach. Denn ein unscheinbares, weißes Blatt Papier im Format DIN A4 erregte meine Aufmerksamkeit. Es war mit Klebeband quer an einer Tür befestigt. Darauf standen nur vier Buchstaben. Eine Abkürzung, die ich schon mal gehört habe: MRSA. Soweit ich mich erinnere, ein Warnhinweis vor multiresistenten Keimen, die Menschen schwer zu schaffen machen. Und ich mittendrin.

Super, denke ich mir, das kann ja was werden. Und ärgere mich. Über mich selbst, denn ich habe medizinisch gesehen nur Halbwissen. Nichts, aus dem man etwas Konkretes ableiten kann. Das ist gefährlich, also denke ich nach. M-R-S-A – Multi-Resistente-Sta… Es ist sinnlos. Mehr als Rätselraten ist nicht drin. Dass die Buchstaben S und A für einen medizinischen Fachbegriff, für eine bestimmte Art Bakterien, stehen, bekomme ich noch zusammen. Wofür genau, nicht. Das macht mir Angst. Doch kneifen gilt nicht, ich habe einen Termin. Nichts anfassen, dann passiert nichts, beruhige ich mich selbst. Sicher ist sicher. Eine Treppe führt ins erste Obergeschoss, da muss ich hin. Hier werde ich mich mit Frau Jeron treffen. Sie arbeitet in der Wohnpflegestätte als Krankenschwester, wird mehr über MRSA wissen. Ich muss nur den Mut haben, sie darauf anzusprechen.

Nichts anfassen! Oben angekommen betrete ich durch die Tür einen Raum, der mich von seinen Abmessungen her verblüfft. Er erinnert mich in seiner Größe an ein Klassenzimmer in der Schule.

Von ihm gehen nochmals Türen ab; in kleinere Zimmer, wie ich erkennen kann. Denn zwei von ihnen sind offen und erlauben einen Blick hinein. Viel zu sehen ist aus meiner aktuellen Position nicht, Details aufgrund der Entfernung erst recht nicht. Aber ich sehe ein Bett und, dass jemand darauf liegt. Bis vor wenigen Minuten hätte ich gern tauschen wollen, aber dieser Wunsch hat sich unten im Eingangsbereich innerhalb von Sekunden in Luft aufgelöst. Auf der linken Seite steht ein großer, hölzerner Tisch, an dem ein paar Stühle stehen. Ein bisschen weiter rechts – vielleicht ein, zwei Meter entfernt – befindet sich eine Wohnlandschaft. Ein großes, gemütlich wirkendes Ecksofa aus Leder, auf dem man sicher entspannt fernsehen kann. Doch so früh am Morgen ist der an der Wand hängende Flimmerkasten – ich tippe auf eine Bildschirmdiagonale von mindestens 48 Zoll – aus. Ihm gegenüber, an der Wand, die sich rechterhand der Eingangstür befindet, steht eine Küchenzeile. Mit klaren Kanten modern gestaltet, in blassem Blau und mit silberfarbenen Griffen sowie einer dunklen Arbeitsplatte. Sie könnte auch ebenso gut in einem der Einfamilienhäuschen stehen, an denen ich heute morgen vorbei gefahren bin – wenn man denn den Platz dafür hat. Doch was mir auffällt, sind Details. Zum einen der Spender für Desinfektionsmittel, der über der Spüle hängt. Zum anderen Schlösser. Es gibt Türen und Schubladen, die man abschließen kann. Was schließt man hier für wen oder vor wem weg? frage ich mich zwangsläufig. Und warum? Es dauert einen Moment, dann fallen mir die ersten Dinge ein, die nicht Jedermann zugänglich sein sollen: Kühlschrank und Gefrierfach, zum Beispiel. Aber was ist hinter den anderen Türen, hinter der Schublade? Messer, zum Beispiel. Gabeln. Und Scheren. Oder Reinigungsmittel. All die Dinge, mit denen man sich selbst oder anderen weh tun kann. Rätsel gelöst, die Schlösser leuchten mir ein.

Da Frau Jeron noch nicht da ist, gehe ich an der Küchenzeile vorbei in Richtung Fenster. Wobei Fenster untertrieben ist, vielmehr ist es eine Glasfront. Drei große Sprossenfenster, die in jeweils sechs kleinere Flächen aufgeteilt sind und eine große, zweigeteilte Glastür. Ich werfe einen Blick nach draußen. Von hier aus kommt man auf einen beeindruckend großen, von der Straße abgewandten Balkon. Unten erkenne ich so etwas wie einen Garten. Ich bin überrascht, denn ich habe mir ein Wohnheim anders vorgestellt. In meinem Kopf glich es eher einem Krankenhaus. Sterile und zweckmäßige Einrichtung, höchstens ein Bild der Verwandtschaft auf dem Nachtschrank, um es wenigstens ein bisschen persönlicher zu machen. Dazu von Desinfektionsmittel geschwängerte Luft, piepsende Maschinen und flüsternde Menschen, die die ansonsten beängstigende Stille durchbrechen. Doch hier ist es komplett anders, hier wohnt man. Der große Raum wirkt wie die Küche einer WG. Der Ort, an dem sich alle Bewohner im Laufe eines Tages mindestens einmal treffen und miteinander reden. Der Ausgangs- und manchmal gleichzeitig Endpunkt für die besten Partys ist, für tiefgründige Gespräche, zum Schmieden gemeinsamer Pläne. Wenn ich mich hier so umsehe, sehe ich keinen Pflegenotstand. Hier fehlt es scheinbar an nichts. Ja, denke ich mir, hier lässt es sich aushalten. Hier lässt es sich gut leben, sehr gut sogar. Wahrscheinlich gibt es Menschen, die in ärmlicheren Umständen leben. Es ist gemütlich, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee liegt in der Luft und es ist alles andere als leise. Denn aus den Zimmern, deren Türen offen sind, höre ich Stimmen. Krächzend hervorgebracht von Fernsehern mit schlechten Lautsprechern. Frühstücksfernsehen, wie ich mitbekomme. Es geht um A bis C-Promis, darum, wo man wie welche Schnäppchen machen kann. Und ums Wetter, natürlich. Wäre der Ton nicht bis zum Anschlag aufgedreht, könnte man sich davon vielleicht berieseln lassen. Mehr aber auch nicht. Sei es drum, ich würde es nicht kennen, hätte ich es nicht auch schon mal gesehen. Letztlich sind wir doch alle gleich, eine Behinderung macht da keinen Unterschied. Im Augenwinkel registriere ich, dass eine Frau zur Tür herein kommt. Sie lässt den Blick kurz durch den Raum schweifen, sieht zu mir, kommt auf mich zu. Das muss Frau Jeron sein.

Vor mir steht eine Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren. In ihrem Gesicht erkenne ich Lebensfreude und Empathie. Ihre Augen strahlen, ihr Lächeln steckt an. Wir begrüßen uns, stellen uns kurz gegenseitig vor, einigen uns aufs Du. An ihrem Akzent erkenne ich, dass Swetlana auch noch eine andere Sprache spricht. Russisch, nehme ich an. Passt auch zum Namen. Ich vermute eine spannende Lebensgeschichte, nach der ich eventuell frage. Doch das mit dem MRSA ist dringender. Ich fühle mich noch immer hilflos, gefangen in einer fremden Welt, mit meiner Angst, mich anzustecken, allein gelassen. Ich will wissen, welche Sicherheitsmaßnahmen ich beachten muss, ob und was ich hier bedenkenlos anfassen kann. Ob ich Schutzhandschuhe tragen muss, ständig die Hände desinfizieren, oder was auch immer. Dass mein Ausflug in ihren Alltag mit einem Sprung in dermaßen kaltes Wasser beginnt, hätte ich nicht gedacht. Ich gestehe ihr, dass ich beim Reinkommen zusammengezuckt bin, als ich den Zettel mit den vier Buchstaben gesehen habe. „Als gesunder Mensch braucht man keine Angst davor zu haben“, beruhigt sie mich mit ihrer einfühlsamen Stimme. „Bei Multiresistenter Staphylococcus aureus schlagen Antibiotika nicht an.“ Spricht man MRSA aus, klingt das nach einem Zungenbrecher. Für mich, nicht für Swetlana. Multiresistenter Staphylococcus aureus. Sie kann das in einer Geschwindigkeit sagen, die mich beeindruckt.

„Das heißt, betroffen sind meistens Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist. Zum Beispiel, weil sie eine PEG-Sonde, also eine Magensonde, haben und Nahrung direkt in den Magen bekommen. Oder Diabetiker, die regelmäßig Spritzen bekommen. Dann kann MRSA sehr schnell zuschlagen. Aber letztlich sind es ganz normale Bakterien, die zur normalen Besiedlungsflora des Menschen gehören. Das Immunsystem gesunder Menschen kommt mit ihnen klar“, erklärt sie mir. Wichtig sei vor allem, die Hände zu desinfizieren. Sowohl vor als auch nach dem Kontakt mit Menschen, deren Immunsystem dermaßen geschwächt ist, dass es die Bakterien nicht mehr unter Kontrolle halten kann.

Das beruhigt mich, denn soweit ich weiß, bin ich gesund. Ist also doch alles nur Panikmache? Müssen sich Gesunde keine Sorgen machen? Kann man sich gar nicht mit MRSA infizieren, sondern ist ‚nur‘ Überträger der Keime? Mir scheint, als hätte ich jede einzelne Biologiestunde in der Schule verpasst. Wobei: Wie sinnvoll ist es schon, Kindern und Jugendlichen so etwas wie multiresistente Bakterien zu erklären? Wenn man damit nichts zu tun hat, wird man es sich wohl auch nicht merken. Oder so weit hinten abspeichern, dass man es nicht abrufen kann, wenn man es braucht. Gefährliches Halbwissen eben. Doch soweit ich informiert bin, bringt MRSA massive Einschränkungen mit sich. Wird es irgendwo festgestellt, werden Menschen isoliert, es gelten verschärfte Hygienevorschriften. Der Zettel an der Tür dient also weniger meinem Schutz als viel mehr denjenigen, die dem hilflos ausgeliefert sind. Doch was uns nicht kümmern bräuchte, ist in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen ein Horrorszenario. Weil sich hier überwiegend Menschen mit geschwächtem Immunsystem aufhalten. Ganze Heerscharen medizinischen Personals kämpfen gegen Bakterien, die für gängige Antibiotika nur ein müdes Lächeln übrig haben. Das blieb mir im Kopf hängen, als in den Medien vor einiger Zeit darüber berichtet wurde, dass die Anzahl von MRSA-Fällen angestiegen sei.

Seit über einem Jahr gehört der Kampf gegen die unerbittlichen Winzlinge nun auch hier in der Wohnpflegestätte zum Alltag. Woher es kommt, weiß keiner, auch Swetlana nicht. Ein Nachweis über den Ursprung ist unmöglich, Patient 0 jedoch bekannt. Zuerst wurde MRSA bei einer Bewohnerin festgestellt, die aus dem Krankenhaus zurück in die Wohnstätte kam. Ob sie es mitgebracht oder schon mitgenommen hat, wird man nie herausfinden. Nichts läge Swetlana ferner, als einen Schuldigen zu suchen. Weil die Suche nach einem Schuldigen das Problem nicht lösen würde. Auch wenn sich innerhalb kurzer Zeit zwei weitere Klienten infiziert haben. Stattdessen investieren sie und ihre Kolleginnen und Kollegen viel Kraft und Zeit, den Ausbruch unter Kontrolle zu bekommen und die Betroffenen zu behandeln. „Aber das Immunsystem der Klientin ist zu schwach. Sie ist in ihrem Zimmer isoliert, so wie die anderen auch“ erzählt Swetlana sichtlich bedrückt. MRSA bedeutet Isolation, Einsamkeit, Verlassensein. „Mir tut das für unsere Bewohner wahnsinnig leid. Wir hatten lange Jahre nichts, alles war super. Man kommt von daheim und ist hier wieder zu Hause, pflegt Kinder, auch wenn sie schon 50 Jahre alt sind. Erwachsene, die in ihrer geistigen Entwicklung aber 5-Jährige sind. Eben Kinder. Und jetzt geht so viel Zeit durch all die Vorsichtsmaßnahmen verloren.“

Medizinische Routine versus kindliche Neugier, denke ich mir. Welches Kind versteht schon, dass es Krankheiten gibt, die ein gesunder Mensch noch verschlimmern kann?

Bevor Swetlana ein Zimmer betritt, in dem einer der von MRSA betroffenen Klienten liegt, zieht sie sich um. Schutzkittel, Mundschutz, Einmal-Handschuhe. Denn als Krankenschwester hat sie hier unabhängig resistenter Keime gut zu tun: Verbände wechseln, Nahrung für die Klienten mit Magensonde anhängen, Insulin spritzen, Blut abnehmen.

Doch sie betritt den Raum auch immer als mitfühlende Person, die sich um ihre Klienten sorgt. Mit ihnen redet, sich Zeit für sie nimmt, mit tröstenden und aufmunternden Worten für sie da ist. Bevor sie das Zimmer wieder verlässt, beginnt das Prozedere von vorn – umziehen. „Die anderen Bewohner verstehen aber nicht, dass diese Vorsichtsmaßnahmen notwendig sind. Warum der andere allein in seinem Zimmer liegt und mehr Aufmerksamkeit und Zeit geschenkt bekommt, als sie. Sie stehen vor der Tür, wollen beachtet werden, etwas erzählen. Alle gleichzeitig, wie Kinder eben sind. Aber ich kann nicht sofort zuhören. Das ist für uns alle Stress.“ Eine Situation, die Swetlana auch menschlich belastet. Denn ein Jahr in isoliertem Zustand verändert Menschen. „Ich sehe, dass die Patientin durch die Isolation eingeht. Sie war ein Gesellschaftsmensch, eine Frau, die beim Singen gern mitgesungen, beim Spielen gern mitgespielt hat. Sie war beim Singen und Lachen die lauteste hier, ist gern rausgegangen. Als sie noch bei ihren Eltern gewohnt hat, sind sie viel verreist, sie hat viel von der Welt gesehen. Die ersten zwei, drei Jahre bei uns war alles in Ordnung, bis auf Diabetes war sie gesund. Weil sie sich beim Essen aber häufig verschluckt, sollte sie eine Magensonde bekommen. Dafür musste sie ins Krankenhaus und kam mit MRSA wieder. Eine Zeit lang haben wir gehofft, dass wir das schnell in den Griff bekommen. Denn wir können ja nicht gleich aufgeben, sondern müssen etwas für unsere Klienten tun. Wir pflegen nicht, um zu sterben, sondern um gesund zu sein.“ Ich merke ihr an, dass ihr die Menschen hier ans Herz gewachsen sind. Kein Wunder eigentlich, immerhin verbringen sie viele Jahre gemeinsam. Und sehen sich dabei fast jeden Tag. „Das hier ist meine zweite Familie“, hat Swetlana gesagt. Ja, das ist sie. Dessen bin ich mir sicher. Wir pflegen nicht, um zu sterben, sondern um gesund zu sein.

Ihre Stimme wird nachdenklicher, sie spricht langsamer weiter. „Nur dadurch, dass sie viel im Bett liegt, sind ihre Gelenke so steif, dass ihr jede Bewegung Schmerzen bereitet. Ich habe das Gefühl, dass sie sich aufgegeben hat; wir sie aber nicht. Doch sie ist in ihrer Welt gelandet, schläft viel, guckt ab und zu mal Fernsehen. Es ist traurig. Ich habe immer mal wieder versucht, sie mit nach draußen zu nehmen, in den Rollstuhl zu setzen. Aber sie hat die Mundschutzmaske nicht akzeptiert, musste deswegen drinnen bleiben. Denn sonst besteht das Risiko, andere anzustecken. Als ich das letzte Mal bei ihr war, habe ich versucht, sie für kurze Zeit in den Rollstuhl zu setzen. Weil wir eine Anti-Dekubitus-Matratze für sie bekommen haben, die ins Bett gelegt werden sollte.“ Die bisher sichtbare Fröhlichkeit in Swetlanas Gesicht weicht tiefer Betroffenheit. Ihre Augen wirken traurig, Tränen sammeln sich an den unteren Lidern. „Aber sie hat so vor Schmerzen geweint. Das sind Momente, in denen ich aufgeben muss. Ich kann sie nicht quälen, wenn sie beim Sitzen oder dem Transfer in den Rollstuhl schon Schmerzen hat. Aber wir dürfen nie ganz aufgeben. Wir kämpfen weiter. Denn wenn wir jemanden aufgeben, gibt dieser Mensch auch auf. Wir wollen sie motivieren, so wie sie uns Motivation geben, immer wieder auf Arbeit zu kommen.“

Immer wieder dieselbe Situation zu durchleben, stelle ich mir als ungeheure Belastungsprobe vor. Der schlimmste Feind, gegen den sie dabei ankämpfen muss, ist Hoffnungslosigkeit. Sowohl ihre eigene als auch die ihrer Klienten. Es ist ein Ringen darum, ob Hoffnung oder Resignation die Oberhand hat. Den Bewohnern der Wohnpflegestätte erschließt sich nicht, warum jemand so lange Zeit in seinem Zimmer bleiben muss und ohne Schutzkleidung weder raus noch besucht werden darf.

Ob und wie sie ihnen immer und immer wieder erklärt, was das für eine Krankheit ist, frage ich Swetlana. „Die Krankheit selber erklären wir nicht. Wir können nicht von ihnen verlangen, dass sie das verstehen. Sie sehen, dass die Beate* im Bett liegt. Aber wie willst du das sagen? Ich sage dann immer, dass sie müde ist und schlafen will. Das akzeptieren sie.“ Eine Notlüge, die die Bewohner vor einer für sie nicht verständlichen Wahrheit beschützt. Die schlicht und ergreifend heißt, dass es an Ablenkung mangelt, weil jemand fehlt, der die Klienten in dieser Zeit gezielt anderweitig beschäftigt. Immer wieder ist vom Pflegenotstand die Rede, doch es bleibt ein abstrakter Begriff, solange man die damit verbundenen Auswirkungen ausblenden kann. Ich kann das gerade nicht. Swetlana steht vor mir und mir ist klar, dass sie ihren Job nicht nur mit Herzblut macht, sondern sich dabei übernimmt. Weil sie persönlich retten will, was das System verbockt. Aus mir spricht die Wut, Hilflosigkeit, Scham. Kann ich als Einzelner überhaupt etwas an dem Zustand ändern? Zu wem müsste ich gehen, und was müsste ich sagen, damit nicht mehr nur darüber gesprochen, sondern auch etwas getan wird? Fragen, auf die ich in diesem Augenblick keine Antwort finde. Also frage ich Swetlana. „Als ich 2002 hier angefangen habe, waren wir zu fünft oder sechst im Dienst. In einer Schicht! Wir sind spazieren gewesen, haben Ausflüge nach Pirna gemacht. Damals haben wir mit unseren Bewohnern sogar noch Urlaube gemacht. Sind einfach mal eine Woche weggefahren. Das geht jetzt nicht mehr. Wir sind laut Dienstplan insgesamt nur zwölf, in einer Schicht an manchen Tagen nur noch zu zweit – eine Fachkraft, eine Hilfskraft. Und es ist ja auch von uns immer mal jemand krank oder im Urlaub.“ 

Ich bin fassungslos und komme ins Grübeln. Wenn es nur um Kosteneffizienz geht, werden Wohnpflegestätten zu Abstellgleisen herabgewürdigt, auf denen man Menschen und ihre Bedürfnisse zum geringsten Preis aus unserem Alltag und Gewissen verbannen kann. Wie sonst kommt man auf die wahnwitzige Idee, dass plötzlich 40 Stunden Betreuung ausreichen, wo vorher 160 notwendig waren? Die Arbeit bleibt ja die Gleiche, sie verteilt sich nur auf weniger Schultern. Das ist, als müsste ich die Arbeit eines Monats fortan in einer Woche schaffen. Was wir als Gesellschaft sparen, zahlen andere drauf. In dem Falle sind es Swetlana und ihre Kollegen genauso, wie ihre Klienten. Notbetrieb ist der Begriff, der mir in den Sinn kommt.

„Es macht einen Unterschied, ob man Geld für 40 oder für nur 12 Bewohner bekommt. Aber nur auf dem Papier. Denn auch zwölf Menschen sollen eine gute Betreuung bekommen. Unsere Bewohner zum Beispiel wollen und können oft auch nicht allein sein. Daran gehen sie zu Grunde. Sie wollen und sollen aber auch mal nach draußen, Spazieren gehen zum Beispiel. Doch egal, in welche Richtung man geht: Man muss immer eine Straße überqueren. Also darf ich nicht weg gehen, wenn wir zu zweit sind. Denn ich darf weder meine Hilfskraft noch sie mich alleine lassen. Drei oder vier Betreuer müssten wir schon sein. Falls doch einmal etwas passiert.Eine Pflegekraft auf mehrere Bewohner, die allesamt wie Kinder sind.

Dieses „Falls“, so erzählt mir Swetlana, kommt auch vor. Es kann jederzeit und überall passieren. So wie im Sommer, als das Wetter schön war, die Sonne schien: Es ist Zeit fürs zweite Frühstück, zur Freude Aller gibt es Äpfel. Swetlana und ihr Kollege haben sie bereits geschält und in kleine Stückchen geschnitten, denn es sollen auch diejenigen mitessen können, die Schluckstörungen haben – wie jeder zweite hier. Zwölf Teller, für jeden Bewohner einen, mit der jeweils gleichen Menge gibt es. Einer jedoch ist noch unberührt, beiseite gestellt. Er ist der eines Bewohners, der noch drinnen auf Toilette ist. Swetlanas Kollege geht rein, um ihn zu holen. Eine harmlose Alltagssituation, er wird sofort zurück sein. Doch für einen Moment ist sie allein, muss alle Anwesenden gleichzeitig im Blick haben. Eine Pflegekraft auf mehrere Bewohner, die allesamt wie Kinder sind. Jemand aus der Gruppe braucht Swetlanas Hilfe beim Trinken und bekommt sie selbstredend. Als sie sich nur Sekunden später umdreht, sieht sie, dass eine Bewohnerin den unbeobachteten Moment ausnutzt, um sich vom Teller des fehlenden Bewohners zu bedienen. Mit den Apfelstückchen im Mund registriert sie, dass Swetlana ihre Aktion sehr wohl bemerkt hat. Daraufhin erschrickt die kleine, aber nicht zierliche Frau und holt reflexartig Luft. So sehr, dass die Apfelstückchen in ihre Luftröhre rutschen. Sie kann nicht mehr atmen, nicht einmal mehr husten. Von einem Moment auf den anderen geht es um Leben und Tod. Swetlana packt die Klientin, schlingt ihre Arme von hinten um ihren Körper, zieht die Arme immer wieder ruckartig zu sich. Mit dem Heimlich-Manöver sollen die Apfelstückchen wieder herauskommen. Doch das kostet Kraft. Viel Kraft. Swetlanas Kollege kommt gemeinsam mit dem Bewohner keine Sekunde zu früh wieder nach draußen. Sofort ist er bei ihr, hilft ihr. Sie geben sich größte Mühe, drücken den Oberbauch so fest sie können zusammen. Doch sie bleiben erfolglos, die Apfelstückchen sitzen fest. Zu husten oder gar Luft zu holen, ist für die Bewohnerin unmöglich. Der Gasaustausch in ihrer Lunge geht dessen ungeachtet weiter, was wiederum dazu führt, dass die Konzentration des in ihrem Blut gelösten Kohlendioxids weiter und weiter ansteigt. Die Lage ist ernst, ihre Situation lebensbedrohlich. Der Rettungsdienst ist zwar informiert, wird aber erst in ein paar Minuten da sein. Doch ihnen läuft die Zeit davon. Zu lange schon ist der letzte Atemzug her, die Lippen der Bewohnerin verfärben sich bereits blau. Kurz darauf ist soviel CO2 in ihrem Blut gelöst, dass die Atmung komplett aussetzt. Ihr Leben hängt jetzt sprichwörtlich am seidenen Faden. In Wirklichkeit liegt es jedoch in den Händen ihrer Betreuer. Swetlana und ihr Kollege verstehen sich blind, wissen, was zu tun ist. Alles, was jetzt noch helfen kann, ist eine Herzdruckmassage. Also legen sie sie auf den Boden und versuchen, den unausweichlichen Kreislaufstillstand doch noch zu verhindern. Quälend lange Minuten, in denen sie unermüdlich Druck auf den Brustkorb ausüben, vergehen. Immer wieder hören die beiden deutlich, wie dabei Rippen brechen. Sie lassen sich nicht beirren, machen weiter. Drücken weiter, drücken nochmal, und nochmal, und nochmal, und nochmal ~ um die einhundert Mal in einer Minute. Endlich kommt der Rettungsdienst, übernimmt die Patientin. Sie wird es schaffen, sie wird überleben.

 

Swetlana und ihr Kollege haben alles gegeben, alles richtig gemacht. Sie haben einer ihrer Bewohnerinnen das Leben gerettet. Und müssen trotzdem weiter darum bangen. Denn dem Vorfall im Haus Gottleubatal folgte ein langer Aufenthalt auf der Intensivstation. Mittlerweile geht es ihr den Umständen entsprechend gut, sie kann wieder selbstständig atmen, wurde aus dem Krankenhaus entlassen. Doch sie hat sich mit MRSA infiziert. „Ich kann meinen Bewohnern aber nicht alles wegnehmen. Wenn sie Äpfel sehen, wollen sie die auch essen. Und dann bekommen sie die auch. Ich kann ihnen doch nicht alle Freude im Leben nehmen! Ich möchte sie ihnen geben. Und deswegen mache ich alles, damit sich die Bewohner im Leben hier so fühlen, wie jeder von uns in seiner Familie“, kommentiert sie diese Geschichte. Einer ihrer Grundsätze dabei: Immer optimistisch bleiben! Für sich selbst, aber auch für die Bewohner. Denn es gilt, negative Einflüsse zu vermeiden, jeden Einzelnen immer wieder zu motivieren und das Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. Ganz egal, wie groß die Sorgen der Welt da draußen sind. Denn die Bewohner spüren sofort, wenn jemand Probleme hat. „Unsere Bewohner leben hier in einer Märchenwelt. Sie sehen die Welt positiv, und das soll für sie auch so bleiben. Wenn ich Zuhause Probleme habe, darf ich das auf keinen Fall hier zeigen.“

Wer wohl auf Swetlana wartet, wenn sie nach Hause kommt? Ist da jemand, der sich darauf freut, dass sie mit ihrer fröhlichen Art den Raum betritt? Ihr Mann, ihre Kinder vielleicht? Insgeheim hoffe ich es. Für sie. Doch an ihrer Hand erkenne ich keinen Ring. Verheiratet scheint sie also nicht zu sein. Oder den Ring auf Arbeit nicht tragen zu dürfen. Wohl eher das, rede ich mir ein. Und überhaupt muss man ja weder verheiratet sein noch einen Ring am Finger haben, wenn man mit einem Menschen in einer Partnerschaft lebt.

„Aktuell wartet nur meine Perserkatze auf mich. Mein Mann ist weggelaufen“, sprudelt es aus ihr heraus, als ich sie nach „ihrer“ Familie frage.

Scheiße, denke ich mir, und sacke innerlich zusammen. Fettnapf gefunden und hineingetreten. Was frage ich auch nach Dingen, die mich eigentlich nichts angehen?

„Nein, Quatsch“, höre ich sie lachend sagen. „Jetzt kann ich drüber reden. Wir waren fast elf Jahre zusammen, haben uns aber vor einem Jahr getrennt.“ Deswegen also auch kein Ring. Und der zeitliche Abstand erklärt, warum sie darüber nicht mit tränenerstickter Stimme spricht. „Ich habe in die Beziehung meinen damals 13-jährigen Sohn mitgebracht, der Mann seine 2-jährige Tochter. Wir waren eine Familie, in der beide im Schichtdienst arbeiten, hatten wenig Zeit füreinander. Dienstpläne haben wir so abgestimmt, dass zumindest einer auf die Kinder aufpassen konnte. Darunter hat unsere Beziehung gelitten und wir haben uns auseinandergelebt. Er ist mit seiner Tochter, die jetzt zwar schon vierzehn Jahre alt, aber immer noch ‚meine Kleine‘ ist, ausgezogen. Ihre Liebe, ihre Gefühle und ihre Arbeit gegen die Liebe und Dankbarkeit der Bewohner.

Mein Sohn ist auf Montage – mal in Holland, Spanien, Frankreich – und kommt nur alle zwei Wochen nach Hause. Es ist aber nicht so, dass ich alleine bin und nicht weiß, was ich machen soll. Meine Eltern sind ja auch noch da,“ gewährt sie mir einen Einblick in ihr Privatleben.

Elf Jahre, ziehe ich Parallelen zu meinem Leben, sind kein Pappenstiel. In dieser Zeit sammelt man gemeinsame Erfahrungen, macht auch schwierige Zeiten durch. Aber ja, man kann sich auch auseinanderleben, am Alltag zerbrechen. Doch selbst wenn man irgendwann erkennt, dass man nur noch eine Zweckbeziehung führt, ist eine Trennung mehr als ein formaler Akt. Ob auch Swetlana in dieser Zeit Tage hatte, an denen sie sich lieber verkrochen hätte? Wieviele Gespräche haben die beiden wohl geführt? Versucht, zu reparieren. Versucht, die Ursachen oder einen Schuldigen zu finden. Gibt es den überhaupt? Und was, wenn es die Arbeit ist? Egal, ob ihre oder seine. Beide im Schichtsystem, beide in Hamsterrädern gefangen. Wirft man sich im Streit vor, dass dem anderen die Arbeit wichtiger sei als die Beziehung, die eigenen Kinder? Ist sie irgendwann in das unweigerlich tiefe Loch eines gebrochenen Herzens gefallen? Und wer hat sie da wieder raus geholt, wer hat ihr in dieser schwierigen Zeit beigestanden? Woher hat sie die Kraft genommen, wie hat sie es geschafft, ihre fröhliche Art nicht zu verlieren? Wie gesagt: elf Jahre sind kein Pappenstiel.

Die Antwort darauf liefert mir Swetlana: Die Bewohner gaben ihr in dieser schweren Zeit ihre Liebe und Dankbarkeit. Das hat ihr Kraft gegeben. „Meine Liebe zu den Menschen kommt von innen“, vertraut sie mir an. „Damit gehe ich zu ihnen und bekomme meine Liebe zurück. Diese Leute sind die dankbarsten Menschen der Welt. Sie warten jeden Tag auf mich und freuen sich, wenn ich da bin. Ich habe eine Arbeit, die mir Spaß macht, die mich glücklich macht. Ich habe hier acht Stunden eine andere Familie. Und was brauche ich mehr?“

Mit meiner Kaffeetasse in der Hand stehe ich mit Swetlana vor einem der Zimmer, in die es aus dem großen Raum geht. Über der Tür hängen zwei Bilder. Fotos der Menschen, die in diesem Zimmer leben. Ich werfe einen Blick durch die Tür – niemand da. Rein gehe ich trotzdem nicht. Schließlich haben Menschen mit Behinderung dasselbe Recht auf Privatsphäre, wie du und ich. Und auch die im Grundgesetz geregelte Unverletzlichkeit der Wohnung gilt für sie ohne Abstriche. Ganz abgesehen davon, dass es mir schon mein Anstand verbietet, ungefragt eine fremde Wohnung zu betreten, wenn mich deren Besitzer nicht dazu eingeladen hat. Ein Bild kann ich mir auch von hier draußen machen. Der beigefarbene Linoleumboden des Gruppenraumes ist auch hier drinnen verlegt, die Möbel sind aufeinander abgestimmt. Ein Schrank, ein Tisch, ein Bett.

Ein Bett, wiederhole ich meine Beobachtung in Gedanken, nur ein Bett. Wieso hängen dann zwei Fotos über der Tür? Breit genug, damit zwei Menschen darin schlafen können, ist das Bett nicht. Egal, wie sehr man sich mag, aber das wird zu eng. Überhaupt scheint mir das hier kein Doppelzimmer zu sein.

Ist es auch nicht, verrät mir Swetlana. Denn laut UN-Behindertenrechtskonvention hat jeder den Anspruch auf ein eigenes Zimmer. Ich spüre, wie sie damit hadert. Nicht, dass es diese Verordnung gibt. Sondern damit, was die neuen Standards in der Praxis bedeuten. Für sie, vor allem aber für die Bewohner. „Früher durften Zimmer doppelt belegt werden, heute soll jeder ein Einzelzimmer haben. Aber man darf sie nicht einfach auseinander legen. Sie haben jahrelang gemeinsam in einem Zimmer gelebt, sie würden sich vermissen.“ Die Fotos über der Tür sind also Erinnerungen an vergangene Zeiten. Ein Umbau hingegen scheint weiter weg denn je. Dabei scheitert es nicht am Willen, sondern an den Finanzen ebenso, wie an den baulichen Möglichkeiten. Dieses Wohnheim stammt aus einer Zeit, in der es andere Vorgaben und gesellschaftliche Vorstellungen davon gab, wie Menschen mit Behinderung in einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung leben. Es geht also gar nicht anders, als die Anzahl der Bewohner zu reduzieren. Was bleibt, sind Fotos von denen, die nicht mehr hier sind.

Doch wo sind sie hin? Einfach ausziehen werden sie ja nicht, grüble ich. Ich erinnere mich daran, was Swetlana über das durchschnittliche Alter der Menschen hier gesagt hat: um die Sechzig. Heutzutage kein Alter, aber machen wir uns nichts vor. Es ist noch nicht lange her, da galt man mit Sechzig als alt. Und wenn ich an meine Großväter denke, war man es irgendwie auch. Mit Anfang Sechzig starben sie. Unerwartet, bei eigentlich bester Gesundheit. Ein Umstand, der mich heute noch sehr traurig macht. Mich aber in die Lage versetzt, nachvollziehen zu können, was der Tod eines geliebten Menschen mit einem macht, wie weh der Schnitt in der Seele tun kann. Alles, was bleibt, sind Erinnerungen.

Auch um das Haus Gottleubatal wird der Tod keinen Bogen machen, setze ich meine Gedanken fort. In einem Altenheim ist Sterben Teil der Normalität. Aber hier? Stirbt man hier auch? Kommt man hier her, um irgendwann hier zu sterben? Und wie oft kommt das vor? Wir haben den Tod erfolgreich aus unserer gesellschaftlichen Mitte verdrängt. Er spielt in unserem Leben keine Rolle mehr, schlägt – bis auf plötzliche Fälle – immer weit von uns entfernt zu. ‚Gestorben wird im Krankenhaus oder im Heim, aber bitte nicht mehr zuhause. Sollen sich doch diejenigen darum kümmern, deren Job der Umgang mit Alten oder Kranken ist. Sie werden das mit dem Tod schon wegstecken. Und wenn sie das nicht können, ist es ihr Problem, nicht unseres.’ So in etwa stelle ich mir die aktuelle gesellschaftliche Vereinbarung vor; selbst wenn sie nie jemand so aussprechen würde. Dabei führt das Wegschieben dieses Themas dazu, dass wir Menschen aus unserer Mitte eine undankbare Aufgabe aufhalsen und sie mit den Auswirkungen auch noch allein lassen. Denn natürlich sind auch Swetlana und ihre Kollegen traurig, wenn einer der Bewohner stirbt. In den meisten Fällen passiert das dann doch im Krankenhaus, wie sie mir auf meine Frage antwortet.

Wer stirbt schon gern einsam und allein?Aber eine unserer Bewohnerinnen ist auch hier, im Gruppenraum, verstorben. Sie wollte zum Mittagsschlaf nicht ins Bett gehen und hat gefragt, ob sie sich aufs Sofa legen kann. Warum hätte sie das auch nicht dürfen? Wir haben sie zugedeckt, nach einiger Zeit musste sie nochmal auf Toilette. Als sie wiederkam, hat sie sich wieder hingelegt, es aber nicht mehr geschafft, ihre Beine hochzulegen. Und dann ist sie für immer eingeschlafen“, schildert mir Swetlana die Geschichte. So traurig es ist, so verständlich ist auch der letzte Wunsch der Bewohnerin. Wer stirbt schon gern einsam und allein, weggeräumt von den Menschen, die man jahrelang um sich hatte, zu denen man eine Beziehung aufgebaut hat? Swetlana fährt fort: „Es war an einem Wochenende. Wir haben verschiedene Bestattungsunternehmen angerufen, aber es kam niemand.“ Ich glaube, ich höre nicht richtig. ‚Es kam niemand‘ hat sie gerade gesagt. Und dabei nicht von einem Handelsvertreter gesprochen, sondern von einem Bestattungsunternehmen. Zu deren Job es meines Wissens nach auch gehört, Verstorbene abzuholen. Dass sie dies nur wochentags von 8 bis 16 Uhr tun, habe ich noch nie gehört. Ich spüre, wie das Unverständnis in mir meiner Wut über solche Pietätlosigkeit Platz machen muss. Währenddessen erzählt Swetlana weiter. „Sie lag von 13 bis 21 Uhr tot auf dem Sofa.“ Acht Stunden, rechne ich im Kopf schnell nach, sie lag acht Stunden auf dem Sofa. Warum, um Himmels Willen, so lange?

„Wie erklärt man das aber den anderen Bewohnern? Sie sind wie Kinder, laufen drumherum, stellen Fragen. Warum die Bewohnerin auf dem Sofa schlafen darf, sie aber nicht, zum Beispiel. Wir können unsere Bewohner aber nicht isolieren oder aus ihrem Gruppenraum raus- schicken. Schließlich haben wir gesagt, dass sie die ganze Nacht nicht geschlafen hat und jetzt müde ist, Kopfschmerzen hat und in Ruhe gelassen werden möchte.“ Eine Notlüge, mal wieder. Diesmal nicht infolge von Personalmangel, sondern weil kein Bestatter kam.

Vielleicht sind zu dieser Zeit viele Menschen in Pirna und Umgebung gleichzeitig gestorben, weswegen einfach niemand früher kommen konnte, versuche ich mir einzureden, um keinen Schuldigen zu suchen. Oder vielleicht haben auch Bestatter mit Personalmangel zu kämpfen, weil diesen Job nur noch wenige machen wollen. Es bleiben Vermutungen.

„Wir konnten ihr aber auch nicht den Kopf zudecken, sonst hätte das auch unrealistisch ausgesehen. Unser Glück war, dass sie wirklich aussah, als ob sie schlafen würde und die anderen Bewohner das so akzeptiert haben.“ Ob sie auch verstanden haben, was da vor sich ging, steht auf einem anderen Blatt. Es war ein Einzelfall, wie Swetlana nochmals betont. Für gewöhnlich sterben Bewohner im Krankenhaus, außer Sichtweite der anderen. So traurig das ist, ist es in einigen Fällen auch eine Erleichterung; vor allem, wenn dadurch das Leiden der Klienten endet. Darin, wie sie mit dem Tod von Bewohnerinnen und Bewohnern umgehen, sind sie geschult worden, erklärt Swetlana. Aber sie vermisst auch heute noch Menschen, die schon vor Jahren gestorben sind. Es sei hier wie in einer Familie, wie überall im Leben: Einer kommt, einer geht. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und die Bilder über der Tür.

Hinter ihrer fröhlichen Art erkenne ich eine Frau, die sich Sorgen über die Zukunft macht. Die sieht, dass sich die Zeiten ändern. Dass Vieles lockerer wird, an vielen Stellen der Respekt schwindet. Auch gegenüber Pflegebedürftigen. Das sind nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern im konkreten Fall waren es Swetlanas Großeltern, die beide ihren Lebensabend im Heim verbracht haben und dort verstorben sind. Ihre Großmutter, die mit blauen Flecken übersät war, deren Ursachen Swetlana natürlich kennt. „Schnell, schnell, schnell muss alles gemacht werden. Weil überall zu wenig Personal da ist. Aber dieses schnell, schnell, schnell passt nicht zu jeder Situation,“ gibt sie zu bedenken. „Wir müssen uns Zeit für die Menschen nehmen, einfühlsam sein. Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen den einzelnen Behinderungen.

Die meisten Menschen, die wir hier betreuen, wurden mit einer Behinderung geboren. Sie kennen die Welt nicht anders. Aber wir hatten hier auch schon einen Mann, der mit 43 Jahren einen Schlaganfall hatte. Bis dahin hat er ein ganz normales, gesundes Leben geführt: als Installateur gearbeitet, verheiratet, zwei Kinder. Und von einem Tag auf den anderen ging nichts mehr. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht atmen, nicht schlucken, sich nicht mehr bewegen, hatte eine Magensonde und einen Katheter – aber hat alles um sich herum mitbekommen und verstanden.“

Ich würde durchdrehen, denke ich mir, wenn mein Geist wach, aber mein Körper ein Gefängnis wäre. Ausbrechen und sich aus dieser Situation befreien? Komplett unmöglich. Ein Alptraum, der niemals endet, aus dem man nicht mehr aufwachen kann. Du bekommst alles mit, kannst aber nichts tun. Du bist Hauptdarsteller und gleichzeitig Zuschauer deines eigenen Filmes. Darauf angewiesen, dass die Menschen um dich herum dich so gut kennen, um zu wissen, was du willst. Oder aber soviel Einfühlungsvermögen haben, sich auf deine Situation einzulassen, dir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Was macht das mit einem Menschen, wenn dann auch noch alles schnell, schnell, schnell gehen muss? Wünscht man sich, aufzuwachen? Aufstehen und wegrennen zu können? Wünscht man sich, zu sterben, um endlich erlöst zu werden? Verdammt man die Situation, die Umstände, das System, die Menschheit? Kann man den Menschen seine Empfindungen mitteilen oder stirbt man irgendwann traurig und mit dem Gefühl, von Gott und der Welt verlassen worden zu sein? Das ist die Höchststrafe, das ist Folter. Für mich ist es die Hölle auf Erden.

Sechs Jahre lang haben wir alle gekämpft. „Und dann kommt man in sein Zimmer,“ unterbricht Swetlana meine Gedanken, „sieht einen großen, kräftigen Mann vor sich liegen. Wir konnten nicht einfach sagen, ‚Komm Dieter*, wir waschen dich jetzt mal.‘ Wir mussten mit ihm reden, auf ihn eingehen, ihm ein positives Gefühl vermitteln. Denn man muss sich auch in seine Lage versetzen: Er liegt da ohne Kontrolle über seinen Körper hilflos und nackt vor einer jungen Pflegekraft im Bett. Für uns ist das Routine, alles kein Problem. Ob ein Mann vor mir liegt oder eine Frau, ein junger Mensch oder ein alter, ist mir egal. Ich mache meine Arbeit und die Hauptsache ist, dass es demjenigen gut geht. Aber bei Dieter war es ein Kampf. Für ihn, für seine Familie – die ihn jeden Tag besuchen gekommen ist – und für uns. Sechs Jahre lang haben wir alle gekämpft. Dann hat er seine Augen zugemacht. Das war‘s für ihn. Man darf also niemals sagen, dass einem das nicht passieren kann. Deswegen müssen wir Wege zueinander finden. Es ist egal, wo sich derjenige, der im Bett liegt und derjenige, der pflegt, begegnen – im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Umso wichtiger ist es aber, dass es qualifizierte Fachkräfte gibt.

„Hör auf!“ möchte ich Swetlana zurufen. Weil es mir schwerfällt, all das Gehörte einzuordnen, meine Gedanken zu sortieren. Zeit, Geld, Personal, Verständnis – es hapert an so vielen Stellen, dass ich keine Ahnung habe, was man davon als erstes angehen sollte. Noch viel schlimmer ist aber, dass ich mich hilflos fühle. 

Was kann ich, als einzelnes Mitglied der Gesellschaft, tun? Wie kann ich Swetlana und ihre Kollegen unterstützen? Kann ich das überhaupt oder müssen das ‚die anderen‘ machen, wer auch immer das sein soll? Was brauchen sie am dringendsten, um sich auch morgen und übermorgen noch so liebevoll um ihre Bewohner kümmern zu können?

Denn so tun, als ob ich von Missständen und persönlichen Schicksalen nichts wüsste und sie mich nichts angingen, kann ich nicht mehr. Schließlich gibt es keine Garantie, dass ich nie auf ihre professionelle Hilfe angewiesen bin. Zu wissen, dass sie dann ausreichend Zeit hätten, sich gefühlvoll um mich zu kümmern, wäre beruhigend. Umso trauriger ist es, dass es erst einen Ausflug in diese Welt braucht, um das zu erkennen. In eine Welt, in der es auch MRSA gibt. In der vor allem aber Menschen arbeiten, denen das Wohl anderer Menschen wichtiger ist, als ihr eigenes. Deswegen sollten wir diejenigen sein, denen ihr Wohl am Herzen liegt. Jeden Tag aufs Neue.

*aus Gründen des Respektes haben wie die Namen von Klienten, Bewohnern und Patienten geändert. 

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